Unplugged,

Tabea

„Ich wollte nicht Pflegemama werden. Wir wollten eigentlich junge Erwachsene im Asylverfahren bei uns aufnehmen.“
„Ein Kind zu uns zu nehmen war kein Thema. Denn wir haben ja selbst schon fünf eigene. Aber dann habe ich dieses Email bekommen.
Da stand, dass eine junge Familie bei der Aufnahme von drei afghanischen Flüchtlingskindern an ihre Grenzen gestossen sei. Ich weiss gar nicht genau, was bei dir los war, Mirjam. Aber man hat zwischen den Zeilen gelesen, dass es dir nicht gut ging.

Das Schicksal dieser Jungs hat mich berührt und nicht mehr losgelassen. Die Vorstellung, dass sie vielleicht in ein Heim müssen, wenn keine Familie für sie gefunden wird, hat mich echt beschäftigt. Also erzählte ich meinem Mann von diesem Email. Zugegeben, ich rechnete damit, dass er mir die Sache sofort wieder ausredet. Er lässt sich nicht von Emotionen leiten und geht Entscheidungen eher rational an. Aber zu meinem Erstaunen war er sofort hellhörig und interessiert. Er fragte mich, ob wir etwas unternehmen sollten. Natürlich wollte ich helfen. Ich wusste jedoch auch, dass mir drei Jungs zu viel werden würden. Vor allem die zwei jüngeren sind ja noch in einem sehr herausfordernden Alter.

Eine gute Freundin und Nachbarin von mir wollte schon lange ein Pflegekind bei sich aufnehmen. Ich erzählte ihr von diesen drei Jungs und ihrem Schicksal. Sie war ebenso berührt wie ich. Und nachdem sie die Sache mit ihrem Mann besprochen hatte, sagte sie, dass sie bereit sind, die zwei Jüngsten zu sich zu nehmen. Es passte perfekt. Denn wir hatten tatsächlich überlegt, den Ältesten aufzunehmen.

Und zwei Wochen später waren sie da. Anfangs hatte ich das Gefühl, wieder ein Neugeborenes um mich zu haben. Er hat so viel Kontakt und Nähe gesucht – und gleichzeitig war für mich als frische Pflegemama alles noch neu und unbekannt. Mein ältester Sohn ist mit ihm auf einem Töffli um die Häuser gedüst und ich glaube irgendwann hat er gemerkt, dass es spannender ist mit Kollegen in seinem Alter Zeit zu verbringen. Nach einer Weile hat er sich von mir gelöst und mittlerweile auch in unserem hektischen Familienalltag seinen Platz gefunden.

Wir haben täglich Kontakt zu unserer befreundeten Familie. Es ist für uns alle eine Herausforderung. Sie sind von einer vierköpfigen schlagartig zu einer sechsköpfigen Familie herangewachsen. Und wir haben eine Person mehr, die ihre Kleider in eine Ecke schmeisst und heimlich fernsieht. Aber so können wir uns auch gegenseitig unterstützen und tragen. Und mittlerweile haben wir die drei Jungs fest in unser Herz geschlossen.“

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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