Ent-Zwei

Jetzt sind wir eine «Pflegefamilie» und unsere Kinder haben auf einen Schlag drei grosse Brüder bekommen.

Vorbei die Zeit, als wir eine klassische Bilderbuch-Familie waren. Ein Bub. Ein Mädchen.
So traumhaft schön wie ihre Eltern. Räusper.
Jetzt sind wir eher so eine Familie aus einem schlechten Fantasy-Schinken. Fünf Kinder von denen drei nicht mal dieselbe Sprache wie wir sprechen. Eine Pflegefamilie der anderen Art.

Und wenn eine Mutter wählen könnte zwischen einem Bilderbuch-Leben oder einem Trashfilm für ihre Kinder. Was würde sie wohl wählen?

Genau.

Weshalb ich in letzter Zeit hinter jedem «Respekt, ich könnte das nicht» anderer Mütter, nur eines höre:

«Wer tut seinen Kindern so etwas an?»

Trotz aller Wäscheberge, die ich in letzter Zeit bewältigt habe. Trotz der Frequenz «Ausräumen der Geschirrspülmaschine», die sich verdoppelt, wenn nicht verdreifacht, hat. Trotz der Wachstumskurve des zu putzenden Drecks, die parallel dazu gestiegen ist. Fühle ich mich nicht im entferntesten wie die perfekte Hausfrau, geschweige denn Mutter. Denn das Mehr an Haushalt und Menschen, bedeutet den Abzug von Aufmerksamkeit und Zeit für meine eigenen Kinder.

Und welche Mutter tut ihren Kindern so etwas an?

Ich kann putzen wie eine Gestörte. Aufmerksamkeit verschenken wie Mutter Theresa. Ich kann meinen Kindern niemals das geben, was sie vorher hatten.

Wer Mutter ist, der kennt ihn: Den kleine Raben im Kopf. Der dort herumhackt und lästige Fragen stellt. Wieso ich Zeit und Aufmerksamkeit von meinen eigenen Kindern stehle, um sie anderen zu schenken. Weshalb sie in Konkurrenz treten müssen mit drei fremden Jungs. Aus einem fremden Land. Wieso ich ihnen zusätzliche Krisen aufbürde. Mehr Probleme. Mehr Stress.
Was lästige Fragen betrifft, ist er ausgesprochen kreativ. Er hackt und hackt.

Doch soll er seinen Schnabel abwetzen, der kleine Rabe. Denn ich werde die Überzeugung nicht los, dass die Entscheidung zu einer Pflegefamilie zu wachsen, trotz allem das Richtige ist.

Nicht zuletzt auch, weil meine Kinder lernen dürfen, wie es ist, wenn man zusammenrücken muss.  Weil sie sich bei drei ausgeliehenen grossen Brüdern abgucken, welchen Wert Familie hat. Zwar gucken sie sich auch einen Haufen Unsinn ab. Aber die Konsequenzen – so hoffe ich – ja auch. Sie lernen sich durchzusetzen. Sie haben Spielkameraden und Vorbilder. Menschen, die sie ärgern und im selben Atemzug vergöttern. Grosse Brüder eben.

Und meine Kinder lernen, dass das Leben einen nicht in Watte packt. Dass es aus Krisen besteht. Aus vielen Menschen. Die nerven. Die bereichern.

Und aus Müttern. Die sich immer selbst kritisieren.
Egal wie gut sie es doch meinen.

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.