Oma adoptiert

Wir haben adoptiert. Frau K., exaktes Alter unbekannt. Aber alt. Grossmutter-alt.

Adoptionen von Grossmüttern sind gänzlich unkompliziert im Vergleich zu Adoptionen sonst. Man fülle ein Formular aus, gehe ins Altersheim. Und schon hat man eine Oma adoptiert – ein Adoptivgrosi, wie wir es in der Schweiz nennen.

Das Formular hatten wir ausgefüllt. Der erste Besuch stand bevor. Natürlich regnete und stürmte es an diesem Tag. Um pünktlich zu sein, hatte ich die Kinder vorzeitig wecken müssen. Mit vollbeladenem Kinderwagen durch den Sturm, die Busfahrt, mit Kleinkindern in einer Cafeteria Zvieri essen – Dinge, auf die man verzichten kann.

Doch das Grosi war nunmal adoptiert. Der Besuchstermin fix. Und so kam es, dass meine Kinder und ich, in Regencapes, Regenschutz und sonstige Jacken, Kappen und Handschuhe gepackt, das Altersheim stürmten.

Dann sitzen wir mit ihr in der Cafeteria. Eine Art Popstars auf Zeit. Überall wird uns zugewunken. Jemand schiebt den vollbeladenen Kinderwagen zur Seite um uns besser zu sehen. Den Sohn, wie er zum ersten Mal Sirup aus dem Strohhalm trinkt. Meine Tochter, wie sie die Lichter an der Decke bewundert.

Frau K. heisst unsere neue Oma. Vielgereist, interessiert, klar im Kopf, Rollator-abhängig und Zeit ihres Lebens in der Säuglings- und Kleinkinderbranche tätig. Als ehemalige Nanny legt sie meinem Sohn dann auch prompt ein kleines Stück Schokolade auf den Anhänger des Spielzeugtraktors. Gewinnt damit sein Herz. Und meines gleich mit.

Ich bin kein Gutmensch. Es war nur so, dass mir bei den Besuchen bei meinem Grossvater immer etwas das Herz brach ob der Einsamkeit, die einem im Altersheim entgegenschlägt.

Ich bin kein Gutmensch. Ich habe es einfach getan. Die Oma adoptiert – und es stellte sich heraus, es war gut.

«Danke vielmal», sagt Frau K. am Ende unseres Besuchs. Der erstaunlich entspannt ablief und nicht nur dem Heer der Einsamen gut getan hat, sondern auch uns. «Ich danke Ihnen», sagte ich. Und: «Bis bald.»

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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