Mein Kind hört nicht

Ja, mein Kind hört nicht. Wenn es etwas hört, dann nur ein Düsenflugzeug oder den Presslufthammer. Es hört also nicht, weil es nicht hören will. Sondern, weil es nicht hören kann.

Als mein Sohn ein Jahr alt war, wurde bei ihm eine hochgradige Schwerhörigkeit diagnostiziert. Plötzlich war das gesunde Kind, das ich geboren hatte, «behindert». Ich fiel in eine Art Schockzustand. Denn mir wurde plötzlich bewusst, dass das Kind meine Stimme gar nicht hören konnte und noch gar nie gehört hatte.

Ich stand in dem weissen Raum in der Klinik, drückte den kleinen Buben an mich, während ein Arzt tröstend auf mich einsprach und mir die Tränen die Wangen runterliefen. Wie ich  nach Hause gekommen bin, weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass es heftig regnete und ich einen ganzen Ozean voll schluchzte.

Was würde mein Kind erwarten? Wie konnte man ohne Gehör zurechtkommen?

Inzwischen sind viele Jahre vergangen. Mein Kind ist erwachsen geworden. Das Leben hat es ihm bisher nicht einfach gemacht. Es würde Bücher füllen, hier alle negativen Erfahrungen, die er und wir als Familie machten, aufzuzählen. Das hat uns alle teiltraumatisiert und dünnhäutig gemacht. Es gibt Dinge, die wir nicht mehr so gut ertragen. Denn nach wie vor ist unsere Gesellschaft behindertenfeindlich und man sorgt gründlich dafür, dass Leute mit Einschränkungen in vielen Bereichen zu kurz kommen, indem man sie geringschätzig behandelt, Leistungen kürzt und auf ihre Kosten spart.

Bereits kleine Hörgeräte stigmatisieren.

Ich erinnere mich, wie andere Eltern mein kleines Kind anstarrten, oder ihre fragenden Kinder, die auf meinen Sohn zeigten, peinlich berührt wegzogen. Ich erinnere mich an den Mann, der auf dem Titlis meinem Sohn zwei Franken in die Hand drückte, mit der Bemerkung: «Dä arm Siech!» Ich habe ihm vergeben, wie alle den andern auch, die meinem Sohn und uns mit Unverständnis, Arroganz und Lieblosigkeit begegnet sind und uns Schmerzen zugefügt haben. Man lernt in solchen Situationen, auf das Gute zu blicken und die schönen Momente zu geniessen.

Oft wird mir gesagt, es wäre viel schlimmer, wenn mein Kind nicht sehen könnte.

Das soll ein Trost sein? Was für eine überhebliche und idiotische Aussage! Eine Behinderung gegen eine andere auszuspielen und zu bewerten, ist absolut tabu. JEDE Einschränkung heisst, eine Einbusse an Lebensqualität auf sich nehmen zu müssen und damit leben zu lernen. Es bedeutet vielleicht, dass man den Wunschberuf nicht lernen kann, immer Hilfe oder Medikamente brauchen wird und vielleicht nie ein ordentliches Gehalt verdienen kann. Solche dämlichen Sprüche zeugen also von grosser Unwissenheit. Denn – Blindheit, die trennt von den Dingen. Vom Baum, von der Blume, vom Gegenstand.

Gehörlosigkeit hingegen trennt von den Menschen!

Das hat viel gravierendere Folgen, als das die meisten auch nur ansatzweise erahnen können. Mein Kind hört also fast nichts. Es braucht Hörgeräte und muss von den Lippen lesen. Lippenlesen, wiederholen, erklären, das alles braucht extrem viel Kraft, Zeit, Geduld und Energie. Und nun steht eine OP an.

Bald. Es ist ein Hoffen und Bangen auf Erleichterung, auf ein leichteres Leben. Auf ein Leben mit weniger Druck, Stress und weniger Missverständnissen, wie es sie mit einer Hörbehinderung ständig gibt.

Meine Stimme wird mit der neuen Technik in seinen Ohren anders klingen. Die Stimme seiner Mutter. Anders, fremd, neu. Auch die Stimme seiner Frau wird anders klingen, die seines Kindes, seines Vaters, seiner Geschwister, seiner Freunde. Das wird nicht einfach sein.

Aber wir schaffen das auch noch, nicht wahr, Sohnemann?

Dieser Beitrag wurde aus aktuellem Anlass erstellt:

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Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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