Mamas Kleiderschrank – Leben mit Hüftgold

Ich war mal unschwanger. Das waren noch Zeiten. Mit einer guten Figur gesegnet konnte ich jedes Kleidungsstück der Grösse 38 anziehen und: Es passte. Nahm ich ein, zwei Kilo zu, ass ich ein, zwei Abende mal keine Chips und schwupps, zwickte die Hose nicht mehr.

Lucky me.

Dann wurde ich schwanger. Und bei der ersten Schwangerschaft ist das ja noch aufregend. Bauch wird immer dicker. Beine womöglich auch. Aber was soll’s? Man ist ja schliesslich schwanger. Nicht grad für zwei essen, klar. Aber ein ungerades Mal ein Dessert mehr oder eine grössere Portion – das Baby will schliesslich auch was zu futtern haben. Ausserdem gibt es für diese Umstände entsprechende Mode. Daher war dieser Zustand: Total okay.

Dann kommt der Moment des nachgeburtlichen Stadiums. Und der erste Schock, wenn man noch im Spital an sich herunterschaut. Wie? Was? Eine derart schrullige Wampe?

Ein Babybauch ohne Baby drin ist einfach nicht mehr genauso sexy. Und dass der Bauch sich fast so langsam zurück entwickelt wie er gewachsen ist, weiss man zwar. Aber ist es dann soweit, ist es trotzdem nicht lustig. Und ja, klar sagen einem im Vorfeld alle «Dein Körper wird nie mehr so sein wie zuvor» – gut, ja, aber grad so?

Obwohl der Bauch dann doch relativ schnell zurückging, blieb deutlich mehr Hüftumfang. Und ich schwöre, mein Oberkörper hat sich unerklärlicherweise in die Länge gezogen. Obwohl ich mir das rein anatomisch nicht erklären kann. Der Kleiderschrank spricht eine andere Sprache.

Doch die Brüste: Ein Traum!

Bloss: All meine 38er-Stangen-Klamotten musste ich bis auf weiteres im Schrank liegen lassen. Weil durch die Oberköperlänge alles zu kurz war und der Brustumfang jegliche Knöpfe und Ausschnitte meiner bisherigen Oberteile sprengte. Ja, teilweise kam ich entweder gar nicht mehr rein oder wenn, dann kaum mehr raus.

Also bestellte ich Kleider für das Nach-Schwangerschafts-Stadium. Nicht viele, schliesslich sollte das nicht allzu lange dauern. Aber doch so, dass ich mindestens zwei paar passende Hosen hatte. Dieses Nachschwangerschaftsstadium dauerte länger als geplant und meine Garderobe blieb bis auf die Neuzuzüger und ein paar schrullige Oberteile unbrauchbar.

Irgendwann hatte ich abgestillt, die Hormone sich normalisiert (wenn sie das denn könnten) und so häbchläb hatte ich meine alte Figur zurück. Dann die zweite Schwangerschaft und das Ganze von vorne.

Mein Kleiderschrank platzte inzwischen aus allen Nähten. Denn der erste und der zweite Geburtstermin waren in unterschiedlichen Jahreszeiten angesiedelt. Statt Sommerhosen mussten Winterpullis und Winterjacke her.

Aktuell habe ich den dritten Babybauch zu verdauen. Noch habe ich keine Komplexe, da ich gemäss offiziellen Richtlinen noch mehrere Monate Zeit hätte, bis sich mein Körper wieder ans alte Ich angepasst hat.

Ausserdem bin ich ja kein Star, hab keine drei Nannys, keinen Vertrag, keinen Instagramaccount für perfektmodulierten Körper und erst recht kein Fitnessabo. Schwacher Trost.

Denn: Komplexe hat man schnell mal, wenn man nichts anzuziehen hat, respektive alle Kleider im Schrank zu eng sind oder dann grad so graviditätsbetont, dass einem gleich alle eine erneute Schwangerschaft unterstellen würden.

Jetzt stehe ich vor der Frage: Kleider für meine aktuelle Figur zu kaufen? Oder mich durchseuchen in der Hoffnung, die aktuelle Figur möge sich wundersam und innert weniger Zeit meiner ursprünglichen angleichen. Doch selbst wenn sie das tun würde.

Modejahre sind wie Hundejahre. Faktor vier oder so. Denn die Zeit, als ich noch für schlanken Körper shoppen ging, war vor vier Jahren.

Die meisten Teile aus meinem Kleiderschrank werde ich – wenn sie denn wieder passen – nicht mehr anziehen dürfen/wollen. Und ich habe festgestellt: Neue Teile zu kaufen, wird ein schwieriges Unterfangen. Gefühlt wurde ich in diesen vier Jahren irgendwie derart erwachsen, dass mir Modisches nicht mehr zusagt. Bin ich jetzt total im Mamimodus angekommen? (Schreck lass nach)

Ich bin lost. In meinen Kleiderhaufen, die ich haufenweise in Kisten packen muss. Ich bin lost in der Frage, was für ein Kleidungsstil mir eigentlich zusagt. Ich bin lost in dem Anspruch, mich so zu kleiden, dass ich mich in meiner Kleidung wohl fühle. Denn ich fühle mich bereits in meiner ersten, äusseren Hülle, grad nicht so wohl. Da sind Kleider drumrum maximal beschönigend und zweckdienlich. Denn ich bin auch lost in meinem körperlichen Zustand, der sich irgendwo im Nirgendwo befindet und zwar nach wie vor mein Körper ist. Aber ich habe ihn bereits drei mal jemand anderem ausgeliehen.

Und wie das so ist mit Sachen, die man jemandem ausleiht: Sie kommen meistens etwas angeschlagen retour.

Immerhin bescheren mir die, die ihn sich ausgeliehen haben, so viele Glücksmomente, dass mich das das ein oder andere mal über gewisse Unförmigkeiten hinwegtröstet. Das hilft. Aber so ganz happy bin ich beim Blick in Spiegel und Kleiderschrank nach wie vor nicht.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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