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Liebe Geburt – ein offener Brief

Liebe Geburt.

Wir werden uns in Kürze ein drittes Mal begegnen. Und wie immer weiss ich bei dir nie, was mich erwartet.

Wie kein anderes Ereignis in meinem Leben schaffst du es, höchstes Glück und schlimmste Ängste in dir zu vereinen. Mein Verhältnis zu dir ist nach wie vor und trotz zwei mehrheitlich positiven Aufeinandertreffen, ambivalent.

Du überforderst mich mit deinem Wesen, das so ungestüm, so grenzüberschreitend und einnehmend ist. Unfassbare und unkalkulierbare Dinge liegen mir nicht. Weshalb ich gut und gerne auf eine erneute Begegnung mit dir verzichten könnte.

Ich mag es überschaubar und geordnet. Du hingegen bist schillernd und facettenreich. Geschichten ranken sich um dich und jeder, der dich kennengelernt hat, beschreibt dich wieder anders. Und jeder, der glaubt, dich zu kennen, kann jederzeit eines besseren belehrt werden.

Du bist in einer Form distanzlos, die sich nur schwer ertragen lässt. Obwohl man mit dir rechnen muss, weiss man nie, wann und womit du jetzt wirklich aufwartest. Diese Gewissheit, dass du kommen wirst, gepaart mit der Ungewissheit, wie du diesmal drauf sein wirst, macht mich nervös.

Ich bin todesmutig, weil ich es mit dir aufnehme. Mein Leben hängt von deiner Tagesform ab. Das meines ungeborenen Kindes ebenfalls. Du trägst in dir höchstes Glück oder aber höchstes Leid. Was du für mich sein wirst, werde ich erst wissen, wenn du da bist.

Du bist eine Urgewalt. Eine Macht. Eine unglaubliche Stärke, die einen überrollt.

Doch damit machst du auch mich stark. Du besitzt eine faszinierende Unergründlichkeit. Bist eine unfassbare, unwirkliche Abfolge von Dingen, die man Wunder nennen kann.

Und das, was du hinterlässt, ist ebenfalls ein Wunder.

Deswegen nehme ich deine Anwesenheit in Kauf. Ertrage die Unsicherheit, wann und wie unsere Begegnung diesmal ausfallen wird. Deine Besuche haben bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen. Was ich mit dir und wegen dir erlebt habe, wird mir kein anderes Ereignis in meinem Leben bescheren können. Wenn es nach mir ginge, würde ich dich trotz deines eher unangenehmen Charakters immer und immer wieder treffen wollen. Mit dir Zeit zu verbringen, kann auf eine fast unerklärliche Art süchtig machen.

Zugegeben, es gibt nichts Schöneres als der Moment, in dem du dich verabschiedest. Und in dem du nicht Trauer und Tod, sondern Freude und Leben hinterlässt.

Noch wenige Wochen trennen uns voneinander. Und ich danke dir, bist du nicht mit der Tür ins Haus gefallen, sondern hast dich bisher an unseren vereinbarten Zeitplan gehalten. Bis du da sein wirst, werde ich mich so gut wie möglich mit deinem Kommen arrangieren. Mich gleichzeitig auf dich einlassen und von dir abgrenzen. Du machst, was du willst. Mir bleibt die Hoffnung, dass es auch diesmal auf ein Wunder hinausläuft.

 

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Autor

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in | Mehr zum Lesen: moidame.ch

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Im Geburtszimmer - «Mamas Unplugged»

[…] Verhältnis zur Geburt ist zweigeteilt. Und genauso ergeht es mir beim Wiedersehen mit der Stätte, an der unsere Familiengründung […]

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