(L)Eben mal verlegt

Ich habe mein Leben verlegt. Und habe – meinem Mama-Job die Schuld – keine Zeit es zu suchen.

Inzwischen habe ich zwei Kinder. So schnell geht das. Es wäre auch noch schneller gegangen. Für alle, die jetzt Altersabstand ausrechnen und innerlich das Bedürfnis verspüren, diesen zu beurteilen.

Mir ist gerade egal, ob zwei Kinder innert zwei Jahren etwas übermotiviert scheint oder total angesagt ist.

Im Moment habe ich gänzlich andere Probleme: Irgendwo zwischen unfolgsamem (T)Rotzbengel, entstehenden Backenzähnen, Erkältungen, vollgeschissenen Windeln, vollgeschissenen Bodys, mi(l)chaussaugendem Baby, zwischen Einkaufen, Putzen, Kochen und sowieso generell dafür sorgen, dass meine Kinder den Tag überleben, habe ich mein Leben verlegt. Und weil sich täglich weitere Dreckwäsche, Dreckwindeln und Kindertränen aufstapeln, ist die Wahrscheinlichkeit, dieses in absehbarer Zeit wieder zu finden, klein.

Bemerkt habe ich den Verlust erst, als ich feststellen musste, dass ich bei 31 Grad-Wetteraussichten nicht an frühen Feierabend, an Aareschwumm und Marzili denke.

Für eine Bernerin fast unmöglich. Aber bei den hochsommerlichen Wetteraussichten kam mir nur ein Gedanke: Woher kann ich schnellstmöglich einen zweiten Sonnenschirm für unseren Garten auftreiben, damit meine Kinder nicht gleich tomatenrot gebrannt werden?

Mir ist bewusst, dass ich selbst schuld bin.

Ich habe zu wenig aufgepasst. Respektive habe gewagt, ein zweites Kind zu kriegen. Das ist grob fahrlässiges Verhalten, wenn einem etwas am eigenen Leben liegt. Da könnte man auch gleich CEO bei Nestlé werden. Da stimmt am Ende wenigstens die Entlöhnung.

«Die ersten Monate sind die schlimmsten», sagen dir die Mütter mit älteren Kindern. Dass deren Kinder sauber und wohlerzogen scheinen, macht Mut. Wenn die das schaffen, schaffe ich das auch. Und so konzentriere ich mich darauf, meine Kinder rechtzeitig zu füttern, sie zu baden, sie zu Bett zu bringen. Einen zweiten Sonnenschirm habe ich organisiert. Darauf bin ich genauso stolz wie früher auf eine Titelgeschichte. Mein Leben werde ich im Laufe der Zeit wohl unter irgendeinem Wäschestapel zufällig wiederfinden. Und ein Trost bleibt: Wenn ich täglich zwei Riesensonnenschirme aus dem Keller schleppe und wieder zurück, kriege ich wenigstens endlich mal Muskeln in meinen Oberarmen.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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