Routinekontrolle

Lässig sitzt sie da. Trinkt ihren Sirup aus dem Plastikbecher. Natürlich ohne, dass ich ihr dabei helfen darf, Gott bewahre! Und ich bete zum gleichen Gott, jedesmal, wenn sie den Becher an die Lippen (oder knapp daneben) ansetzt. Bloss keinen Sirupsee auf Spitalgang, danke.

Sie flirtet mit jeder Pflegefachfrau, jeder Oberärztin und allen, die an ihrem Stuhl vorbei müssen. Nichts lässt darauf schliessen, dass sich dasselbe Kind noch Minuten zuvor beim Röntgen wie ein tollwütiger Wurm schreiend auf meinen Armen gewunden hat und sich partout weigern wollte, dass die Frau mit dem weissen Kittel kurz ein «Foto vom Bauch» machte.

Seit einem Jahr ist mein Kind krank. Nicht schlimm. Und auch nicht so, dass es schlimm werden wird – sagen die Ärzte. Einfach nicht so easy diagnostizierbar wie Dinge, die man ‚im Sono‘ oder im Blut oder sonstwo und sonstwie nachweisen könnte.

Kleinkinderkram.

Der heutige Spitaltermin ist in meiner Elternkarriere der ungefähr siebte – oder achte? – jedenfalls, ich weiss inzwischen ein wenig, wie so Spitaltermine ablaufen. Ich weiss, wo’s reingeht. Wo’s langgeht. Wie’s abläuft. Und überhaupt. Man darf also annehmen, dass ich perfekt vorbereitet und tiefenentspannt zum Routinebesuch im Spital gelange.

Fehlanzeige.

Die Füsse, die das Kind lässig über dem Stuhl baumelt, tragen keine Schuhe. Mein Kind sitzt in Socken da. Die Schuhe sind zuhause. Weil ich das Kind grad direkt vom Mittagsschlaf ins Spital befördert habe. Und in meiner leichtsinnigen Lässigkeit knapp dran war. Und im Vorfeld an soviel gedacht habe und eigentlich auch daran, die Schuhe einzupacken. Bloss, dass die dann doch nicht mitgekommen sind.

Ausserdem ist mein Kind eine halbe Stunde später als vereinbart erschienen. Wie konnte ich auch ahnen, dass aus dem Nichts ein grossartiger Stau auf der Dorfstrasse entsteht und im Parkhaus nur noch die alleruntersten Ebenen freie Parkplätze haben.

Nichts lief nach Plan. Das Kind schlief im Auto prompt nicht mehr weiter. Nörgelte. Draussen regnete es in Strömen und immerhin hatte ich einen Regenschutz für den Buggy dabei – wenn auch nicht den passenden. Aber er reichte, um das besockte Kind trocken zu halten. Für mich reichte er nicht mehr.

Alles vorbei. Wir warten auf die Erlaubnis, nach Hause zu gehen.

Inzwischen ist das Kind voll cool. Zieht sich dann, um noch lässiger zu erscheinen, die Socken aus. Lässt sie sich partout nicht mehr anziehen, es sei denn, unter derart grossem Protestgeschrei, so, also ob es grösste Schmerzen hätte und so dass – würde ich wagen es weiter zu versuchen – gleich ein Notfallalarm losginge und Leute mit Gerätschaften aus uns stürzen würden. Ich seufze.

Der abschliessende Händedruck der Oberärztin.

Dann endlich darf ich dem Kind die Socken anziehen. Es wird in den Kinderwagen verfrachtet, wo es diesmal nicht schön brav sitzenbleibt, sondern die Füsse (lässig, was sonst) im Regen schwenkt.

«Alles in Ordnung», schreibe ich den besorgten Grosseltern im SMS. Dem Papa. Obwohl nicht alles in Ordnung ist. Aber immerhin. Es ist das Ende einer Odyssee. Nicht ganz, aber ich gehe davon aus, dass wir hier nicht so bald wieder aufkreuzen werden. Denn auch mit Ausschlussdiagnosen lässt sich was machen. Und manchmal sind Ausschlussdiagnosen – obwohl eine Diagnose erleichternd wäre – eben doch ganz gut.

 

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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