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Das Kind redet. Ununterbrochen.

Ich habe aufgehört zu denken. Stattdessen spricht mein Sohn.

Oder sagen wir es so. Es existiert schlicht kein Raum für irgendwelche Gedanken. Denn mein sehr mitteilsames Kind redet ununterbrochen und füllt diesen Raum bis in die letzten Winkel aus.

Wobei. Doch! Ich muss mir mir des öfteren Gedanken dazu machen, warum ich etwas mache, was ich mache und was ich als nächstes mache.

Schon klar. Die Warum-Phase ist für alle Eltern ein Belastungstest. Aber da gibt es Abstufungen. Und ich bin auf Stufe 10! MIN – DES – TENS.

Er will nicht nur wissen warum, sondern auch wer, wohin, was, woher, wo und so weiter. Bei ausbleibender Antwort antwortet er selbst – halt Hauptsache es hallt im Ohr – und kontert auf seine Antwort erneut mit «warum». Aber an mich gerichtet. Natürlich.

Mein redseliger Sohn ist 5. Meine Tochter (bald) 3. Wer rechnen kann, zählt 1 zu 1 zusammen. Genau. Fragt er nicht, fragt sie. Und – ich weiss auch nicht.

Wirklich. Ich weiss es nicht. Genauer gesagt. Nichts. Gar nichts mehr weiss ich. Ja, entschuldigt mich bitte. Aber meine Kinder saugen all mein gedankliches Repertoire aus meinem Oberstübchen und haben meine Grenze an Wörtern pro Tag (oh ja – die aufgenommen und selbst produzierten) bereits vor dem ersten Kaffee am Morgen überschritten.

Die einzige Pause, die mir vergönnt ist, ist die allseits beliebte Mittagspause. Da redet meine Tochter höchstens im Schlaf. Und mein Sohn frönt seiner Hörspiel-CD. Ja, dann schweigt er. Was toll ist.

Nur: Im Anschluss wird das Schweigen kompensiert.

Denn es scheint, er saugt den Inhalt auf, dehnt und erweitert ihn mental und lässt mir danach freundlicherweise seine detailreiche Interpretation der Zusammenfassung zukommen.

Pausen gibt es auch zeitweise, wenn die Schwester seinen Redeschwall mit einem vergnüglichen «Warum» anspornt. Wovon die Schwester übrigens quietschbegeistert ist, weil sie so superoberwichtige Diskussionsrunden steuern kann.

Oder wenn er mit anderen Leuten spricht. Und er spricht mit allen. Wirklich allen.

Gerät mein Sohn beim Spazieren, Einkaufen oder auf dem Spielplatz aus meinem Sichtfeld, suche ich nicht zuerst nach ihm, sondern nach seinen potenziellen Gesprächspartnern.

Andere Eltern müssen auf dem Spazierweg ständig stehenbleiben, weil ihre Kinder Blumen pflücken oder Steine in den Bach schmeissen wollen. Mein Sohn kann so unkommunikativen Spielchen nichts abgewinnen. Solange Blumen und Steine nicht reden können, sind sie so interessant wie Broccoli in einem Süsswarenladen.

Jede fremde Person, die von meinem Sohn ins Visier genommen wird, muss ihm Rede und Antwort stehen. Woher sie kommt, wohin sie geht, was sie macht, wie sie denn heisse und wo sie wohne, wo ihre Mama ist, ihr Papa und überhaupt warum.

Hin und wieder schreite ich ein. Nachdem ich die ersten 10 Minuten so getan habe, als würde mir das Verhör entgehen. Dann bin ich plötzlich die Superheldin in Not, die den Sohn gehetzt zum nächsten Termin mitziehen muss. «Sag Tschüss, der lieben, fremden Frau.»

A propos Termin. Mein Sohn, der vielsprechende, geht übrigens auch noch in die Logopädie.

Die Pointe:
Damit er sprechen lernt.

Ich würde euch lachen hören, würde mein Ohr nicht so rauschen.

Gut, es ist tatsächlich auch einfacher auf verständliche Sätze einzugehen, als auf nicht verständliche. Darum – die Logopädie und ihre Wunderleistungen in allen Ehren. Aber je mehr ich verstehe, desto mehr muss ich aufmerksam zuhören und antworten.

Versteht mich nicht falsch. Ich liebe es, dass mein Sohn so kommunikativ ist.

Ist es wohl nicht zuletzt auch ein väterliches Erbe – immerhin war der Papa ja mal Radiomoderator. Er ist ebenfalls ein Fan der Worte. Aber wenn ihr jetzt denkt, ich habe mich einst in ihn verliebt, weil er immer so viel in ein Mikrofon geplappert hat – Fehlanzeige.

Es war (unter anderem), weil er damals zu mir sagte:

«Jedes Mal wenn ein Radiosprecher spricht, stört er. Darum halte dich kurz.»

Doch unser Sohn ist da eher so Variante türkisches Fernsehen. Der Ball ist rund und die Moderation dauert 90 Minuten.

Die väterliche Lektion muss also nur noch den Sohn erreichen. Und ihn auf europäische Massstäbe normen. Kommentiert werden nur die Schlüsselszenen. Pragmatisch, effizient und kurz.

In etwa so wie meine Blogs.

Ha. Ha ha.

Vielleicht könnt ihr ja nun erneut 1 und 1 zusammen zählen. Von irgendwoher muss er diese Eigenschaft ja haben.

Tja. Was soll ich sagen?

Wer im Glashaus sitzt…

 

 

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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