Karin – Wenn das Baby nur noch schreit

Ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit kommt Wunschkind Cédric zur Welt. Anfangs geniessen Karin (28), vor der Geburt in einer Führungsposition im Detailhandel tätig, und ihr Mann das Babyglück – doch dann schreit Cédric immer häufiger und immer länger. Und das Verrückte ist: Nichts scheint ihm zu helfen.

Ich dachte immer: Was haben wir doch für ein pflegeleichtes Kind. So ruhig. Die ersten zwei Monate hat Cédric mehrheitlich geschlafen.

Dann auf einmal ging es los.

Anfangs hat er abends eine Stunde lang geweint. Wie wenn man einen Schalter umgelegt hätte. Wir haben uns nicht gross was dabei gedacht. Ausserdem waren wir ja immer zu zweit, da ist sowas auch weniger stressig. Doch dann begann er schon am Morgen, Mittag oder Nachmittag mit Weinen. Wie angeworfen. Und er hat nicht aufgehört. Ich hatte keine Ahnung, wieso.

Irgendwie dachte ich, es sei normal, dass ein Baby halt viel schreit.

Meine Mutter hat mir dann geraten, ein Tagebuch zu führen. Es gibt eine Regel, die besagt: Wenn ein Kind mehr als drei Stunden, mehr als drei Tage während mehr als drei Wochen weint, kann man von einem Schreikind sprechen.

Cédric weinte inzwischen acht bis zehn Stunden pro Tag. Täglich. Manchmal auch in der Nacht. Da ging es um Mitternacht los bis um 6.00 Uhr morgens.

Cédrics schwierige Geburt

Wir haben uns sehr ein Kind gewünscht. Für meinen Mann und ich war klar, dass wir gerne jung eine Familie gründen wollen. Eingeschlagen hat es bereits beim ersten Mal. Das war ein unglaubliches Gefühl. Wir waren die ersten in unserem Freundeskreis und alle freuten sich mit uns.

Die Schwangerschaft verlief unkompliziert. Wie es dann mit Baby werden wird, darüber haben wir uns nicht allzu viel Gedanken gemacht. Wir wollten eins nach dem andern nehmen und unsere eigenen Erfahrungen machen.

Die Geburt selbst war dann nicht mehr so unproblematisch. Ich hatte heftige Wehen und es ging trotzdem nicht vorwärts. Als ich nach neun Stunden endlich eine PDA kriegte, blieben die Wehen aus, so dass sie mir wieder Wehenmittel verabreichen mussten. Es war sehr schmerzhaft, doch am schlimmsten war die Angst um das Baby. Mit jeder Wehe gingen die Herztöne runter. Ein Notkaiserschnitt kam nicht mehr in Frage, das Baby war bereits zu weit unten.

Er kam schliesslich auf die Welt. Ein gesundes Baby. Das war ein unglaubliches Gefühl. Sie haben mir ihn auf die Brust gelegt und mein Mann und ich haben nur geweint. Er ist da! Er ist gesund!

Als Cédric dann mit zwei Monaten diese Schreiattacken hatte, war das sehr schlimm für mich. Es tat mir in der Seele weh. Er ist mein Herz, mein Blut. Und er weinte wie verrückt. Er hatte richtig den Kopf nach hinten gesteckt, sich überstreckt, liess sich durch nichts beruhigen und war wie weggetreten, im eigenen Film.

Nichts hilft

Der Kinderarzt meinte, das sei normal. Er habe halt Krämpfe, ich solle ihn einfach trösten, das bessere dann schon. Die ersten drei Monate seien für alle hart. Schon da hatte ich das Gefühl, dass was anderes der Grund für das Weinen ist. Dass es nichts Körperliches war. Doch es ist schwierig, auf seine inneren Gefühle zu hören.

Ich habe x-tausend Öle ausprobiert, Fencheltee eingeflösst. Ich ging nicht mehr gross raus und achtete darauf, nicht zu viel Besuch zu haben, damit er nicht zu vielen Einflüssen ausgesetzt ist. Aber er weinte trotzdem.

Ich trug ihn im Tragetuch, damit er einschlafen konnte, falls er müde war. Ich habe ihm zusätzlich das Fläschchen gegeben, falls er Hunger hatte. Wasser, Tee. Irgendwann schlief er erschöpft ein, ohne, dass ich ausmachen konnte, was jetzt geholfen hatte.

Müde, dünnhäutig und manchmal richtig wütend

Mir selber ging es sehr schlecht in dieser Zeit. Überall, wo ich Unterstützung suchte, wurde ich nicht ernst genommen. Ich bekam zu hören, dass wir zu viel Drama machen. Da beginnt man, an sich selbst zu zweifeln.

Ich dachte, ich mache ganz sicher etwas falsch und sehe es einfach nicht. Ich fühlte mich wahnsinnig hilflos.

Und man kriegt wirklich eine Wut. Ständig dieses Weinen im Ohr zu haben und nichts tun zu können. Manchmal hatte ich das Bedürfnis, mein Kind zu schütteln und musste zwei, drei Mal den Raum verlassen, damit ich Cédric nichts antue. Mir sagen, dass er nichts dafür kann und es nicht absichtlich macht. Ich habe einige Male auch meinen Mann auf der Arbeit angerufen, damit er mich ablöst. Weil Cédric einfach nicht aufgehört hat, zu weinen. Ich brauchte das Gefühl zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Er kam dann nach Hause und hat mich ganz fest gedrückt.

Doch unsere Beziehung hat in der Zeit gelitten. Je mehr Cédric weinte, umso weniger habe ich geschlafen. Je müder ich war, umso dünnhäutiger war ich. Der Umgangston zwischen meinem Mann und mir war sehr rauh. Er hat gearbeitet, ich war zuhause. Er konnte mir nicht helfen. Wenn er dann heimkam und Dinge sagte wie: «Hast du Cédric denn schon Fencheltee gegeben?», da ging ich an die Decke. Obwohl er es gut gemeint hat. Es war schon sehr heftig. Wir waren beide am Anschlag – und wussten nicht, was eigentlich los war.

Wie die Gesellschaft auf ein Schreikind reagiert

Viele Leute gaben mir Tipps. Auch ungefragt. Einmal, da war ich abends am Bahnhof
unterwegs nach Hause. Cédric im Tragetuch. Da begann er zu weinen. Ich traute mich deswegen nicht, den Bus zu nehmen. Es war gegen 20.00 Uhr und in der Stadt war Abendverkauf. Ich bin blond, ziemlich jung. Wohl das gefundene Fressen. Etliche Leute haben mich angesprochen und gemeint, er habe Hunger oder – es war tiefester Winter – das Kind habe doch kalt. Ich habe nur noch geweint. Erst wollte ich meinen Mann anrufen, er solle mich bitte abholen. Doch dann beschloss ich, einfach in den Bus zu steigen. So à la «Ich zeig’s euch allen!». Während der Fahrt ist Cédric einfach eingeschlafen.

Nach und nach habe mir ein dickes Fell zugelegt. Und dachte: «Seid doch alle ruhig, ihr habt ja keine Ahung.» Ich fuhr wieder mit Bus und Zug, habe mich wieder mit meinen Kolleginnen getroffen und ihnen gesagt, es sei im Moment halt einfach so. Alle versicherten mir: «Wir sind da für dich.» Das hatte ich irgendwie nicht erwartet. Eher, dass sie sagen würden, sie hätten mir es ja gesagt. Ihre positive Reaktion hat mir gezeigt, dass ich wirklich den richtigen Freundeskreis habe.

Cédric ‚erzählt‘ von der Geburt

Die Mütterberatung gab mir schliesslich den Tipp, es mit Cranio-Sacral-Therapie zu versuchen. Ich dachte, schaden würde es sicher nicht. Bei der CS-Therapeutin hatte ich zum allerersten Mal das Gefühl: «Jetzt hört mir jemand zu». Ich konnte flexibel vorbeikommen. Es war egal, wenn Cédric weinte oder wenn ich ihm die Windeln wechseln musste. Sie vermittelte mir das Gefühl: Es ist okay, wie es ist. Ich erinnere mich noch wie sie gesagt hat, sie verstehe mich. Und dass sie glaube, dass nicht nur ich, sondern auch Cédric die lange Geburt schwierig erlebt habe.

Dann hat sie mich aufgefordert, die Geburt zu beschreiben. Cédric sage dann schon, wenn es ihm weh tue. Die Atmosphäre war ruhig. Cédric hat sie stark fixiert. Ich begann zu erzählen. Und in dem Moment, als ich von der PDA berichtet habe und davon, wie sehr mich das gestresst hatte, weil ich mir eine normale, natürliche Geburt gewünscht hatte, da hat er wie auf Knopfdruck losgeweint. Sie hat ihn genommen und ihm gesagt: «Cédric, es ist alles in Ordnung, ich bin da, ich helfe dir.» Immer wieder hat er während meiner Erzählung plötzlich losgeweint. Am Schluss sagte sie ihm, er müsse seine Mama nicht mehr beschützen, er könne ihr alles erzählen. Und da hat er extrem geweint. Zuerst so, wie ich es auch schon kannte. Doch am Schluss hat er dann richtig gekräht. Da sagte die CS-Therapeutin: «Jetzt erzählt er’s!» Mir liefen ebenfalls die Tränen.

Als er fertig ‚erzählt‘ hatte, ist er auf ihrem Arm einfach eingeschlafen. Noch nie, seit er auf der Welt war, ist er einfach so eingeschlafen.

Ich war noch zweimal bei ihr. Cédric hat nie mehr so geweint wie beim ersten Mal. Es war wie gelöst. Beim Schlafen hat er sich nicht mehr überstreckt und war wie ausgewechselt. Auch heute, mit einem Jahr, ist er sehr sehr fröhlich. Er weint selten und vor allem nicht mehr ohne Grund. Das gibt einem so eine Ruhe.

Wenn du Kontakt mit Karin aufnehmen möchtest, darfst du sie gerne auf Facebook kontaktierten.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

One thought on “Karin – Wenn das Baby nur noch schreit

  1. Danke, dass du deune Geschichte geteilt hast. Du machst sicher ganz vielen Mut damit. Alles Liebe für dich und deine Familie 💜

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