Ins Loch gefallen

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, dann….

«Dann werde ich dieses und jenes, dies und das noch tun.» So denken wir alle. Denn zuerst einmal verbringen wir mindestens zwanzig Jahre inmitten von Windelbergen, schmutziger Wäsche und Kinderlärm. Und dann, dann ist da dieses Loch…

Plötzlich ist es soweit. Ein Kind nach dem andern geht, es wird still. Jetzt stehe ich oft verdutzt da. Irgendwie orientierungslos, auch wenn ich immer viel zu tun habe. Ohne den wahnsinnigen Stress, den dauernden Druck, die Hektik, den Klamauk – auch wenn mich das alles fast in die Klapsmühle gebracht hat – bin ich jetzt oft irgendwie antriebslos. Ich gehe durchs Haus und weiss nicht genau, was ich zuerst tun soll. Waschen? Bügeln? Putzen? Einkaufen? Rechnungen bezahlen? Die Blumen giessen?

Ich gebe zu, ich bin in eine Art Loch gefallen. Mit den Kindern war es extrem. Ohne Kinder ist es das auch. Anstelle des Kinderlärms und der Wäscheberge stressen mich nämlich andere Dinge. Ein Body, der langsam von der Schwerkraft überwältigt wird. Haare, die dauernd gefärbt werden müssen, weil die Kinder das Grau doof finden. Anti-Aging-Salben, die niemals halten, was ihr Preis verspricht. Eine Libido, die am ehesten in die Sahara passt, mir aber so was von egal geworden ist. Leute, die denken, ich könnte für sie dies und das erledigen, weil ich ja nun vermeintlich jede Menge freie Zeit habe.

Mich stressen die kinderfreien Zimmer ohne Leben.

Trotzdem geniesse ich die aufgeräumte und ordentliche Leere. Ich habe nun Raum genug. Endlich Platz für die sich ausbreitende Figur. Platz für Gäste und Enkelkinder, die hier übernachten wollen.

Mich stresst, dass mir oft alles weh tut und ich rasch sehr müde werde. Ich hatte mehr als zwanzig Jahre gar keine Zeit, müde zu sein. Meine ganze Energie ist in die Kinder und in die Familie und den Job, den ich so dringend brauchte, geflossen und von allem abtransportiert worden. Nun hocke ich da und schaffe oft höchstens noch die Hälfte des vorherigen Tagespensums. Bereits vor dem Abendessen bin ich so kaputt, dass ich den Rest des Abends nur noch meine Ruhe haben will. Bloss nicht mehr kochen, bügeln oder staubsaugen. Keine Musik und keinen Lärm, keine Gespräche und nur noch dosiert Besuch.

Und ganz sicher keinen Sex.

Ich stelle fest, ich muss mich jetzt erst einmal erholen, einen Gang runter schalten, und Energie tanken, falls das noch geht. Das Loch, das entstanden ist, mit Lebenskraft neu auffüllen. Einfach nur Zeit für mich. Denn es gibt eine Zeit nach den Kindern. Und die gehört jetzt erst einmal mir. Nichts tun oder endlich nur das, was MIR Spass macht.

Keine Fremdbestimmung mehr.

Mich nicht mehr für Projekte einspannen lassen, die nicht meine Vision sind und die ich nicht wollte. Nichts mehr tun für das ich weder die Motivation, noch Energie und Zeit habe und schon gar keine Lust. Ich bin plötzlich voller Widersprüche und muss mich selbst finden.

Was hatte ich mir nicht alles für den ersten kinderlosen Winter vorgenommen! Den Dachboden und das ganze Haus ausmisten. Die zu eng gewordenen Klamotten aussortieren. Endlich die Fotos der letzten Konfirmation, die zehn Jahre zurückliegt, einkleben. Mehr Sport machen. Wochenendtrips nach Wien, Prag und Budapest. Freunde und Verwandte im Ausland besuchen oder sie hierher einladen. Öfters zu Mama gehen, häufiger Gäste zum Essen hier haben und mehr lesen. Und meine Memoiren schreiben. Nichts schaffte ich. Nichts! Ich bekam den Winterblues und verschob alles aufs nächste Jahr.

Und was habe ich jetzt, nach dem zweiten kinderlosen Winter alles erledigt? Auch nichts. Ich habe nichts fertiggebracht und mir zu viel vorgenommen. Sobald es kalt wurde, fiel ich erneut in einen Dämmerzustand, in dieses seelische Loch. Mir fehlte das Licht. Ich konnte gerade so das Nötigste tun. Mich durchfüttern.

Das einzige, was sich diesen Winter bewegt hat, war daher die Personenwaage im Bad.

So lernt man, wie die Natur immer versucht, die Balance zu halten. Gehen die Kinder, kommen die Kilos.

Ah doch, etwas habe ich doch gemacht. Ich bin jede Woche in die Tanzstunde gegangen. Nicht nur, weil der wahnsinnig begabte Tanzlehrer, der gleich alt wie mein Sohn ist, unverschämt gut aussieht. Sondern weil ich dort junge und aufgestellte Leute treffe, die nichts gegen eine Oma haben, die mit ihnen tanzt und sich wegen der Arthrose möglichst viel bewegen muss. Dort lerne ich Tanz-Figuren mit krassen Namen wie Lasso, Sombrero, Sententa, Media Vuelta, Chicken Walks, Flicks into Breaks, den American Spin und Swivels. Das ist gut fürs Gehirn. Tanzende Grossmütter können nämlich abhauenden Enkeln leichter hinterher jagen.

Weil – irgendetwas musste ich ja tun, um aus diesem Scheiss-Loch wieder raus zu kommen, bevor der Frühling ganz da ist.

Prag, Wien und Budapest warten nämlich immer noch auf mich.

 

 

 

 

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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