Im Geburtszimmer

«Oh, ein neues Zimmer», bemerkt mein Mann, als wir den Geburtsraum betreten. Wir werden – obwohl wir uns auch mit drittem Baby nicht so fühlen – als alte Hasen gehandelt. «Sie wissen ja, wie das geht», pflegen Pflegende zu sagen. Ich nicke dann jeweils. Nicht beipflichtend. Eher der Form halber.

Entsprechend unserer Erfahrung haben wir bereits mehrere Geburtszimmer dieses Spitals von innen gesehen. Das hier ist das bisher kleinste, dunkelste von allen. Dafür mit überdimensionierter Badewanne.

Bereits der Gang zum Geburtszimmer war geschwängert mit Erinnerungen. Zweimal habe ich hier geboren. Und ich weiss noch, wie ich so hochschwangere Frauen wie mich im aktuellen Zustand jeweils mitleidig betrachtet habe, während ich mein Neugeborenes im spitaleigenen Babybettli durch die Gänge schob.

Nun bin ich für einmal die Hochschwangere. Gehe durch die Gänge. Höre Neugeborenengeschrei und merke beim Drandenken, dass ich bald für so eins zuständig sein werde, dass ich innerlich noch gar nicht bereit bin dazu.

Haha.

Mein Verhältnis zur Geburt ist zweigeteilt. Und genauso ergeht es mir beim Wiedersehen mit der Stätte, an der unsere Familiengründung besiegelt worden ist.

Ich erkundige mich nach der Toilette und werde prompt ans Patienten-WC verwiesen. Bin ich aber nicht. Noch nicht. Zurück im Geburtszimmer finde ich heraus, dass der Urin eigentlich im Becher aufgefangen hätte werden müssen. Wenn’s weiter nichts ist. Mein Zustand ermöglicht mir aktuell, beinahe halbstündlich, Urinbecher zu füllen. Erst also das CTG.

Der Göttergatte setzt sich in einen Sessel, verkabelt die Kopfhörer und zieht sich Netflix rein. Ich lege mich ins Patientinnenbett, ebenfalls verkabelt mit diversen Sensoren aller Art. Ohne Netflix.

Es ist still. Einzig das Pulsieren des Ungeborenen-Herzschlags durchbricht das Schweigen. Ein gedämpfter, elektronischer Beat.

Da plötzlich. Ein Schrei. Grausam.

In mir zieht sich alles zusammen. Und ich sehe meinem Mann an, dass er trotz Ohrstöpsel ebenfalls gehört hat, was ich gehört habe.

Mein erster Gedanke: «Ich glaub, meine Schwangerschaft ist bloss eingebildet. Ich geh dann mal wieder…» – doch der Herztonbeat spricht eine andere Sprache.

«Jedesmal, wenn wir hier sind, schreit jemand im Zimmer nebenan», bemerkt mein Mann ohne die Stöpsel aus den Ohren zu nehmen. «Was denkst du, was ich ohne PDA gemacht hätte?», frage ich ihn cooler, als ich mich fühle.

Nach jeder Pause wird das Schreien schlimmer.

Ich noch nervöser. Der Mann auch. Die Herztöne des Kindes steigen sprunghaft an. Mit jedem Schrei der Gebärenden zeichnet die CTG-Kurve Ausreisser.

Not.

Aber wären es meine Herztöne, dann ganz sicher.

Nach CTG und verspäteter Urinprobe werden wir entlassen. Noch schreit nebenan nur die Frau. Kein erlösendes Weinen eines Neugeborenen, kein Happyend für uns Zuhörende. Und mir ist klar – falls ich in Kürze einrücken würde, wäre die Frau von nebenan die coole Mutter mit Neugeborenenbettchen im Gang, die meine von Wehen gekrümmte Gestalt beim Eintritt ins Geburtszimmer mitleidig betrachtet. Falls es dann nicht mehr für eine PDA reicht, werde ich mich als Dankeschön mit ein paar Urschreien durch die Krankenhausgänge für ihre Einstimmung revanchieren…

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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