Willkommen auf persisch

Viele wissen es nicht. Aber das Projekt «Flüchtlingskinder aufnehmen»  war bei uns schon länger in Planung.

Und heute morgen ich noch so: Zwei Kinder. Alles cool.

Wie jeden Morgen eigentlich. Seitdem ich zwei Mal auf einen Urinstreifen pinkelte. Seitdem ich zwei Mal in einem Meer auf wirren Gefühlen badete und zwar ganze 9, nein, fast 10 Monate lang. Seitdem ich zwei Mal entweder in Panik oder kribbeliger Vorfreude darauf wartete, dass mein Kind endlich kommt.

Und heute Mittag? Da habe ich nicht mal pinkeln müssen. Es hat schon gereicht, das Telefon abzunehmen.

Und der Schock war nicht etwa wie der einer Mutter, deren Urinstreifen zwei rote Streifen hat. Sondern in etwa wie der einer Mutter, die beim Ultraschall nicht ein, nicht zwei, sondern geschlagene drei (!) Herztöne hört.

Es werden drei Jungs.

Glückwunsch.

Ich jetzt so: Fünf Kinder. Und zwar ab morgen. Alles cool?

Äh ja.

Ihr seid jetzt vermutlich genauso verwirrt wie ich.
Darum etwas Aufklärung:

Wir wussten schon lange, dass man uns anfragen würde ein Flüchtlingskind aufzunehmen. Aber wir wussten nicht, dass man uns heute anrufen würde. Und wir wussten nicht, dass es nicht ein, nicht zwei, sondern drei Kinder sein würden. Drei Geschwister. Drei Flüchtlingskinder aufnehmen – und zwar morgen. Wir hatten keine Ahnung, dass die Vorfreude nicht 9 Monate, sondern gerade mal 24 Stunden dauern würde.

Okay. Ich vergleiche hier Eier mit Hühnern. Oder wie war das noch?

Denn ich bin nicht die echte Mutter.
Denn es sind nicht meine Kinder.

Nein. Es ist ganz anders.

Ich weiss, dass meine Kinder Nudeln lieben. Und dass mein Sohn 10 Äpfel am Tag isst. Aber was essen die drei Jungs? Fladenbrot und Naturjoghurt. Sagt Google.

Äh ja.

Wenn meine Kinder traurig sind, nehme ich sie in den Arm. Und sage was Nettes. Aber was wenn einer der drei Jungs traurig ist? Ich rede weder Dari, noch kann ich die persische Schrift. Und Handzeichen verstören ein weinendes Kind unter Umständen nur unnötig.

Meine Kinder lieben Kühe. Und hassen Katzen. So wie ich. Sie malen gerne. Am liebsten Schneemänner. Und sie lachen sich hysterisch in einen Anfall, wenn ich so tue, als würde ich mir weh tun.

Aber was lieben die drei Jungs? Und was hassen sie? Und wie wollen sie es mir erzählen? Und ist eigentlich in mich gefahren, als ich gesagt hatte, ich wolle Flüchtlingskinder aufnehmen? Was habe ich mir dabei gedacht, das Telefon abzunehmen und ein traumverlorenes «kein Problem, die können kommen» von mir gegeben habe?

Ich freue mich.
Und hoffe das geht gut.
Ich pinkel mir in die Hosen vor Angst.
Und mein Gedankenchaos liesse sich noch ewig weiterführen.

Aber wir gehen jetzt erstmal mal in den IKEA und kaufen drei Betten.

Nicht eins.

Nicht zwei.

Nein. Drei.

Denn es sind jetzt fünf.

(Fortsetzung folgt)

 

Bild: James Douglas (Unsplash)

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

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