Flüchtlinge in der Familie, Serie,

GO!

«Warum habe ich nur Flüchtlingskinder aufgenommen?» Ich würde lügen, würde ich behaupten, dass mir – so mitten im Chaos unseres turbulenten Alltags – nicht dann und wann Gedanken durch den Kopf schiessen wie: «Hoffentlich sind sie bald weg.»

Die Hoffnung, dass unsere drei afghanischen Jungs uns bald verlassen, wechselt sich munter ab mit der Angst, dass sie es wirklich tun. Denn während eines Asylverfahrens ist die Zukunft immer ungewiss.

Somit auch unsere.

Und wenn ich dann eine Spaghetti entdecke, die an unserer Esszimmerwand klebt. Oder sich die Toilette trotz mehrmaligem Putzen in kriminellem Dauerzustand befindet. Wenn ich Gemotze, Gejammer und Geschrei in persischer Sprache aushalten muss oder noch schlimmer: Meine eigenen Kinder während des Mittagsschlafs davon geweckt werden, dann wünschte ich tatsächlich – ich gebe es zu – dass mich ein negativer Asylentscheid aus dieser Situation retten möge.

Aber dann. Wenn ich beim Schach spielen gewinne oder über ihre Witze lache. Wenn sie sich bei mir an die Schulter schmiegen oder mir stolz erzählen, was sie alles schon in der Schule gelernt haben. Dann trau ich mich kaum den Briefkasten zu öffnen.

Denn dann habe ich Angst vor dem negativen Bescheid, der ihnen verkündet: «Ihr müsst leider wieder gehen.»

Viele Grenzen haben sie passiert. Mehrere Länder durchreist. Jetzt sind sie angekommen. Wurden als Flüchtlingskinder aufgenommen. Und die Befürchtung liegt nahe, dass das Wort in ihnen nachhallt:

«GO!»

Sowie das Gefühl der Heimatlosigkeit.

Wenn es stimmt, was sie sagen: Polizisten mit Pfefferspray. Polizisten mit Maschinengewehren. Polizisten mit Schlagstöcken.

«Immer schreien ‚go, go, go‘.» Erzählen sie.
«After go, after go!» Ahmen sie theatralisch das Gebrüll der Grenzwächter nach.

Kein Land wollte und will sie so recht. Das haben sie mittlerweile begriffen.

Und während sie die Angst plagt, bald weiterziehen zu müssen. Plagt mich das schlechte Gewissen, weil auch ich heimlich denke, was bewaffnete Männer lauthals geschrien haben.

Und dann ist der einzige Gedanke, der mich tröstet, dass zwischen mir und einem solchen Grenzwächter wenigstens ein kleiner Unterschied besteht:

Ich wünsche ihnen nichts mehr, als dass sie endlich irgendwo ankommen dürfen.

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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