Geburtskanal für Erstgebärende

Die Geburt für Erstgebärende.
Magisch.
Gefürchtet.

Herbeigesehnt.
Naturgewalt.

Kaum etwas beschäftigt werdende Mütter mehr als das anstehende Ereignis der Superlative.

Normalerweise ist man sich als westliche Frau gewohnt, alles einigermassen im Griff zu haben. Klar, ab und zu leidet man an PMS, aber hey, wenigstens hat man stets eine Entschuldigung für Übellaunigkeit parat und so nach ein, zwei Tagen ist der Spuk wieder vorbei.

Daher könnte für die Frau von heute am ehesten die Schwangerschaft ein Hinweis darauf sein, dass man mit dem Entscheid, Kinder zu kriegen, sowas wie Kontrolle über das Leben schlicht vollends an mikroskopisch kleine, schwer greifbare, überall herumwuselnde, chaosproduzierende und schlichtweg unkontrollierbare Wesen – auch Hormone genannt – abgegeben hat. Und nachgeburtlich dann an ein winziges, wenig entwickeltes, emotional-unkontrolliertes und zeitweilen sehr ich-zentriertes Wesen abgeben wird.

Wer so gut wie keine Schwangerschaftsbeschwerden hat, merkt spätestens beim Gedanken an die Geburt, dass sich gewisse Mächte des eigenen Körpers bemächtigt haben, die tun und lassen können, was sie wollen – und wann sie wollen. Hormone, ich sag ja nur…

Am bestens, man setzt sich als offiziell Erstschwangere einen Pamir auf, und lässt all die Mütter, die einem brühend warm die Horrorgeschichten ihrer eigenen Geburts-Biografie, oder der ihrer Freundinnen, erzählen wollen, im Sandkasten sitzen. Natürlich, let’s face it. Horrorgeschichte könnte zuweilen auch einen selbst treffen. Aber: Erstens weiss man das nicht. Und zweitens kann man’s dann nicht ändern.

Go with the Flow – wär daher ein Motto, das einigermassen geburtsgerecht daherkommt. Und: «Mund locker lassen!», meine Hebamme, «Wenn der Mund locker ist, ist auch Mutters Mund locker.» Alles andere, Geburtsmusik-Best-of, Becken oder Bett, sehr natürlich, begrenzt natürlich oder Kaiserschnitt – zu fixe Vorstellungen zeugen nur davon, dass man nicht gecheckt hat, dass eine Geburt tut, was sie will. Oder auch nicht. Und man selbst eventuell gar nicht viel dazu zu sagen hat.

Was aber unbedingt gesagt werden muss ist, dass eine Geburt tatsächlich etwas Wundersames und Einmaliges ist. Dieser Moment, wenn man realisiert, dass dieses schleimige, zerdrückte Wesen, das da rausflutscht, nicht etwa mit Schnulzensoundtrack untermalt in einer Filmszene zur Welt kommt, sondern tatsächlich im Hier und Jetzt. Dass es überhaupt lebt. Und – trägt es dann seine ersten Kleider – auch noch wie ein echtes Baby ausschaut. It is M.A.G.I.C..

Nicht, dass ich von Glücksgefühlen geflutet mit dem Kind auf meiner Brust erstmal auf meine Elternschaft anstossen wollte. Nein. Auf die vielgepriesene überströmende Liebe wartete ich im Gebärsaal vergeblich (dafür war das Betrachten der Plazenta ein grossartiges Erlebnis). Es war auch nicht so, dass ich die Tage (und Nächte) danach als unkompliziert und entspannend erlebt hätte. Übrigens – Erstgebärende: Es ist also tatsächlich so, dass in der Regel nach der Geburt eine bis zu zehn Wochen dauernde Regel einsetzt. Falls ihr davon noch nie gehört habt: Googeln. Denn gesagt hat mir das bei meinem ersten Kind niemand. Aber so schlimm, wie man sich das vorstellt, ist es auch wieder nicht. Auch das mit dem ‚Stuhlen während dem Pressen‘. Viel zu viele Gedanken habe ich zu dem Thema gemacht. Ob und was da genau passiert ist, habe ich weder mitgekriegt, noch hat es mich interessiert. Es hat mich auch danach nicht mehr beschäftigt. Nur so.

Am besten sowieso, man gewöhnt sich ganz schnell an den Gedanken, dass wildfremde Leute plötzlich wesentlich besser über den eigenen Körper und dessen Ausscheidungen Bescheid wissen, als man selbst. Dass sie ungefragt Brüste anfassen, Brustwarzen eingehend betrachten (Stillen, ein Thema für sich), dass sie untenrum rumfingern und zwar nicht im erotischen Sinn. Dass Blut und Urin und Kotze und Kot zum Leben gehören. Denn vor allem von letzteren lernt man in den kommenden zwei, drei Jahren Kleinkinderphase so ziemlich alle Variationen kennen.

Die gute Nachricht für Erstgebärende:
Alles halb so schlimm.

Echt im Fall. Denn man macht’s einfach. Genau so, wie man die Geburt «macht», wie man das Wochenbett «macht» und so ziemlich viele Dinge mehr. Ist nicht immer lustig, nicht immer so, wie man sich vorgestellt hat. Womöglich schlimmer, als man sich vorgestellt hat.

Doch so ist das Leben.
Das Leben schenken.
Und das Leben selbst.

Und deshalb, liebe Erstgebärende: Lebt einfach. Erlebt einfach.
Denn mit Angst allein hat noch niemand geboren.

FOTO: Zurechtgemacht von der PDA, die netterweise dafür gesorgt hat, dass ich auf dem Bild nicht aussehe, wie grad gebärend… (aber ich war es in der Tat)

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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