Die schwarze Puppe im Emmental

Das Emmental. Das liebe Landleben.

Seliger Frieden. Die Ruhe der Natur. Umspielt von Kuhglockengebimmel und Traktorgeräuschen.

Weshalb wir hier sind. Auf dem Land. Denn mein Sohn steht total auf Kühe, Traktoren und Co. So hat es uns also in ein kleines Emmentaler Dorf verschlagen, wo sich Fuchs und Hase noch Gute Nacht sagen.

Doch auf dem Land zu wohnen ist so eine Sache.

Hier kennt Hans Greti und Greti kennt Hans. Hans weiss, wo Greti ihr Gemüse kauft und Greti weiss, wann Hans morgens das Haus verlässt.

Und Hans und Greti grüssen jeden. Und jeder grüsst Greti und Hans.

Ach, und das Wichtigste: Hans und Greti wissen wie die Welt zu sein hat. Genau wie ihre schöne Heimat. Und kein bisschen anders.

Weshalb weder Hans, noch Greti glücklich darüber sind, dass ihr altehrwürdiges Schulhaus seit Kurzem viele Flüchtlinge beherbergt. Heimatland! Seit da ds Greti. U das im Ämmitau. (Emmental).
Denn das verunstaltet das malerische Dorfbild.

Und wie Kinder so sind, kritzelte auch mein Sohn neulich mit viel Farbe über das urchige Bild der schönen Heimat.

Und das kam so:

Obwohl er ja die meiste Zeit den Eigentümlichkeiten Dorflebens gerecht wird (beispielsweise grüsst er wirklich jeden – darf man das sagen? – Dorftrottel hier), ist der flauschige Begleiter meines Sohns eine dunkelhäutige Puppe von IKEA, mit dem legendären Namen «Kwadwo».

Und manch einer, der lieber ein blasses Püppchen mit Sommersprossen, Flechtzöpfen und Heimatschürze in seinem Arm sehen würde, fühlte sich wohl auch verraten, als mein Sohn neulich am Bahnhof die Mannschaft wechselte.

Ja, es gibt Mannschaften am Bahnhof. Da stehen nämlich stets manierlich die blassen Schweizer vom Emmental in der einen, und die dunklen Schulhaus-Bewohner von Irgendwo in der anderen Ecke. Nur mein Sohn mit seinem Negerli unter dem Arm entschied sich mitten in den Kreis derjenigen zu stellen, die – wie cool ist das denn – genauso aussahen wie seine Lieblingspuppe.

Er warf ein fröhliches «tschou zäme» in die Runde und sonnte sich in Folge in der Aufmerksamkeit der vielen grossen Kwadwos um ihn herum.

Da schauten Hans und Greti sich an und staunten Bauklötze.
Da hat der Bub bei der Dorfregel «jeden grüssen» aber was falsch verstanden.

Und obwohl das ja doch irgendwie «uuh härzig» aussah, war vom Bild ihrer schönen Heimat – armes Greti, armer Hans – leider nicht mehr viel zu sehen.

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

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