Dingdong – wenn die Mamigruppe vor der Türe steht

Könnt ihr euch erinnern, damals? Diese lustig-listigen Vertreter? Diese ewigen Klinkenputzer? Es gab diese jovialen Jemako-Jünger, die einem den Putzfimmel förmlich aufschwatzten. All diese Lumpen und Mittelchen, die dann im Putzschrank vor sich hin vegetierten, weil man im Eifer des Gefechts nur zum hundskommunen Putzlappen griff.

Diese alglatten Amway-Apostel, die von Seife über Pasta bishin zu Haushaltsgeräten alles versuchten an den Mann bzw die Frau zu bringen. Und Bämm warst du drin im Schneeballsystem. Finde tausend Personen, die mitmachen! Erst bist du Sales Assistant, dann Junior Sales Manager dann Sales Manager eidg. Dipl. und kannst dich hocharbeiten bis zum CEO Oberguru Sales Manager dr.med.dent.vet..

Diese lustigen Parties von den talentfreien Tupperware-Tussis, wo man dann doch 753 Tupperware gekauft hat.

Immerhin war unsere «Ausräumschublade» gut gefüllt. Waren aber auch zu genial diese Dinger: Abwaschmaschinenfest, tumblerfest, mikrowellenfest, backofenfest, feuerfest, festfest…

Damals wurde man hin und her gerissen zwischen dem obszönen Oswald Orden und den narzisstischen Nahrin-Nasen. Und schlussendlich hat man vor lauter Gewürzen das Essen nicht mehr gesehen.

Und ein bisschen wie die Vertreter von früher erlebe ich all diese Facebook-Mamigruppen, diese Mamiseiten, diese amüsanten Austauschforen.

Man hat das Gefühl, gewisse Muttis könnten jeden Moment an der Tür klingeln und sagen: «Grüezi, kennen Sie schon die Selfmade-sippe? Hier können Sie von Ihren selbstgemachten Sachen Fotos posten, sei es von Ihren selbstgestrickten Socken, selbstgenähten Handtaschen oder von Ihrem selbst zusammengeschraubten Porsche Kitcar. Quetschies, Babybrei, Eis für Kids, Kinderkleider, Spielsachen alles wird selbst gemacht. Dann weiss man was drin ist und günstiger ist’s auch noch!»

«Also los treten Sie uns bei und machen Sie es sich selbst!»

Ich müsste dann folgendermassen ablehnen: «Vielen Dank aber ich habe zwei linke Hände, ich kann nur schreiben, und vor allem cheiben gut einkaufen. Alles, was meine Kinder so brauchen.»

Tür zu und kaum im anderen Zimmer «Dingdong». Stehen zwei stillende Muttis in der Tür. Das eine Kind 13 Monate, das andere 13 Jahre alt *nuckelnuckel*. «Guten Tag, wir sind vom Cluster-Clan. Wussten Sie, dass Mumi die ersten 18 Lebensjahre das Beste für ihr Kind ist? Die Nachfrage regelt das Angebot. Es ist sooo praktisch! Immer gut temperiert und stets dabei. Klar muss man sich erst an die schmerzenden, oft entzündeten und langezogenen Brustwarzen gewöhnen, aber schon nach 794 Tagen Dauerstillen tut’s nicht mehr so weh. Also fühlen Sie sich frei und holen Sie die guten alten Brüste raus!» Ich so: «Tschuldigung, aber diese Still-Szene ist so gar nicht meins, meine Brüste gehören mir, ade Merci!»

Grad hingesetzt klopft es.

«Hallo, wir sind vom Reboarder-Ring.»

«Ist ihnen das Leben ihrer Kinder lieb und teuer? (Nein, wie kommen die denn auf sowas! Würde meine sofort für fünf Franken an den Nächstbesten verhöckern). Sie wollen nur das Beste für Ihr Kind und das ist Ihnen auch was wert? (Wert = 9999.99 CHF für einen Kindersitz? Logooo!) Dann müssen Sie einen Reboarder kaufen, es gibt Nichts anderes und schon gar Nichts, das sicherer ist.» Nach diesem Besuch bin ich bankrott, brauchte ja auch unbedingt vier von diesen Dingern. Unsere Kinder sollen sowohl in Mamas sowie in Papas Auto überleben. Mission erfüllt, liebe Reboardler.

Die Vertreter des Reboarder-Rings werden sogleich vom Vergleichsverein abgelöst. «Hoihoi, wir vom Vergleichsverein suchen fleissig Neumitglieder. Es werden interessante Themen behandelt wie: «Wie gross und schwer waren eure Kinder mit 35 Monaten?» «Mein Kind, 12 Monate, kann bereits 678 Wörtchen korrekt aussprechen. Was können eure Einjährigen?»

«Meine Grosse hat heute den doppelten Rittberger beim ersten Versuch geschafft. Was haben eure Kinder für Hobbies?»

Und wieder muss ich nett abweisen: «Leider bin ich nicht auf der Suche nach Bewunderung, Anerkennung und schlechteren Kindern. Mein Kind wird bald zwei Jahre alt, spricht nur wenige Wörter, hat einen Dickschädel, da wird jeder Esel neidisch und so viel Energie, sie würde locker zehn Muttis am Tag zunichte machen. Danke und Auf Wiedersehen.»

Es ist nicht so, dass ich aus diesen Gruppen gar Nichts gelernt hätte. Clusterfeeding, Reboarder, Milamai oder Baby Led Weaning. Hätte man mich vor meinen Kindern und bevor ich diese Seiten kannte gefragt, was das alles ist, hätte ich sehr improvisiert und ziemlich kreativ geantwortet.

«Reboarder? Das ist ein ehemaliger Snowboarder der wieder einsteigt – so sagt man das in der Szene»
«Clusterfeeding? Na, das ist, wenn man einen Haufen Menschen auf einmal füttert.»

«Milamai? Eine chinesische Schriftstellerin»

«Baby Led Weaning? Da entwöhnt man dem Baby LED-Lampen, weil es nicht direkt ins Licht blicken soll, äh oder so…»
Und ich muss zugeben, einigen bin ich beigetreten und eingeschworenes Mitglied. Hallo liebe ATTAs (anonyme Tragetuchsüchtige)… naja jetzt bin ich wohl nicht mehr so anonym.

Noch schlimmer als diese sektenähnlichen Gruppierungen sind diese unendlich vielen, abertausenden Mamablogs. Diese allwissenden Mütter, diese Klugscheisserinnen, diese möchtegernlustigen Bloggerinnen.

So stelle ich es mir vor wenn eine von diesen Bloggerinnen an der Tür klingelt. «Grüeziwohl, ich bin von Mamas Unplugged – wir schreiben über alles, was das Mamiherz beschäftigt. Wir beschönigen nichts und überspitzen einiges. Uns ist klar, dass 7563 dasselbe machen, aber hey, es lohnt sich, dich auch noch von uns verunsichern zu lassen. Also lies unsere Blogeinträge zu Themen wie Beziehung, Erziehung, Heilung, Entbindung, Aufklärung, Berufung, Eisprung, Stellung und Abänderung.»

 

 

 

Bild: Josh Howard | Unsplash

Rahel lebt mit Mann, Familie und Schweinen auf dem Land. Für ihre zwei Kinder hat sie High Heels, Minikleidchen und dazu passendes Täschli eingetauscht gegen Trekkingschuhe, Funktionskleidung und diverse Traghilfen und Tragetücher. Ob sie alles so meint, wie sie schreibt? Vielleicht...

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