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Die beste Lehrerin der Welt

Vor einiger Zeit erhielt die Kanadierin Maggie MacDonnell einen Preis als beste Lehrerin der Welt. Sie unterrichtet in einem abgelegenen, nur über den Luftweg erreichbaren Dorf in der Arktis und engagiert sich vor allem für Mädchen.

Meine Mutter hätte rückblickend auch einen Preis verdient. Sie war begabt im Fähigkeiten weitergeben. Oft schon war ich platt über das, was sie uns Kindern alles beigebracht hat. Ihre Generation hatte andere Herausforderungen als sie es heute sind.

Es gab weder Smartphone noch Computer. Keine Dusche oder fliessendes, heisses Wasser, keine Zentralheizung, keinen Geschirrspüler. Es gab einen Nachttopf, ein zugiges Plumpsklo, im Winter kalte Zimmer mit Eisblumen an den Fenstern und in der alten Küche einen rauchenden Feuerherd.

Meine Mutter hat als junge und blendend aussehende Frau einen Landwirt geheiratet. Der Schwiegervater war ein schwieriger, bösartiger Mensch, die Schwiegermutter eine miserable Hausfrau, die weder von Ordnung noch von Sauberkeit viel hielt und ganz rasch mit der lasch erledigten Hausarbeit zufrieden war. Kaum war Mama auf dem Hof, packte sie eines Morgens abgrundtiefer Ekel, als sie Schwiegermama in der Küche ertappte.

Oma leerte gerade langsam und bedächtig den vollen Nachttopf in den Abguss und spülte ihn aus.

Ob sie auch die Abwaschbürste benutzte? Mama sprach ein Machtwort. Oma fügte sich und leerte von da an den Nachttopf beim Misthaufen aus.

Das Leben auf dem Hof war nicht besonders easy. Vermutlich würde es heutzutage niemandem mehr einfallen, so leben zu wollen. Mama aber blieb und hat es auf sich genommen. Harte Arbeit, einen desorientierten Ehemann, jahrelang keinen Urlaub.

Die Windeln wurden bei jedem Wetter beim Brunnen kalt ausgewaschen, dann in der Küche im Windeltopf über dem Feuer ausgekocht und am Ofen oder draussen getrocknet.

Meine Eltern besassen bei meiner Geburt weder eine Waschmaschine noch hatten sie einen Kinderwagen.

Wir Mädchen lernten früh kochen und den Haushalt führen. Mit fünfzehn ging ich in die französische Schweiz. Madame staunte, dass sie mir kaum noch etwas beibringen musste und ich bereits in der Lage war, für eine Grossfamilie zu kochen und den ganzen Haushalt alleine zu führen.

Sie beschloss daher spontan, ab sofort bis elf Uhr im Bett zu bleiben.

Sie überliess es mir, mich um Haushalt, Kinder und Federvieh zu kümmern. Madame tat nur drei Dinge: Tee mit der Verwandtschaft trinken, einkaufen und waschen. Sie wusch selbst, weil sie dachte, ich könnte ihr die Wäsche verderben. Aber das wäre nicht passiert, ich hatte das richtige Waschen gelernt, das in meiner Erinnerung mit rosa Unterwäsche gekoppelt ist. Denn einmal war mir etwas Rotes in die Unterwäsche von Oma geraten.

Oma trug riesige Unterhosen mit langen Beinen und gewaltige Unterhemden.

Mutter schimpfte gewaltig und Grossmutter schmollte. Sie hat mir das nie richtig verziehen, dass ihre rosa gewordene Wäsche im lauen Sommerwind draussen auf der Leine sanft hin und her wehte und die Nachbarn, die vorbeigingen, blöd grinsten.

Mädchen bekamen also ungefragt das vermittelt, was man als später Hausfrau und Mutter beherrschen sollte. Dass unsere Generation einmal berufstätig sein würde, das erkannte man damals noch nicht so richtig. Pech also, wenn man weiblich war, keinen Penis hatte, und kochen, stricken und flicken lernen musste, und das alles auch noch hasste. Gefragt ob man das auch wollte, wurde man nämlich nicht. Ich fand nicht alles cool, aber später half es doch sehr, Dinge effizient erledigen zu können und zu wissen, wie etwas getan werden musste.

Meine Kinder hingegen beneiden mich um meine arbeits- und abenteuerreiche Kindheit.

Uns war nie langweilig. Mutter war unsere strenge Lehrerin und forderte uns. Wir Kinder waren und wurden dauernd beschäftigt.

Wir durften noch Dinge tun, die heute verboten sind oder als eklig oder gefährlich gelten.

Etwa wie man ein Huhn schlachtet, ein Ferkel kastriert, Feuer macht, Dörrobst, Brot, Sauerkraut oder Blutwurst herstellt. Wie man Schwarzpulver handhabt, um grosse Baumstrünke zu sprengen. Wie man die Ratten erschiesst, die die Ferkel anknabbern. Wir durften Trecker fahren, melken, den Tieren bei der Paarung zusehen, heimlich mit Vaters Sturmgewehr schiessen und auf dem Hofgaul reiten. Es war eine andere Zeit, es fühlt sich an wie längst vergangen. Heute leben wir in todschicken Batteriewohnungen, die super isoliert und hochmodern ausgestattet sind. Für dieses Leben braucht es andere Skills und ganz viel Elektrizität.

Mutter lebte mit uns im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten, und diese zelebrierte sie. Daher bin gegen bestrahlte, per Flieger aus dem Ausland angereiste Erdbeeren an Silvester.

Noch immer zieht Mutter die herrlichsten Blumen und das schönste Gemüse, das so viel besser schmeckt als das aus dem Laden. Ihr Hefezopf ist der beste weit und breit. An Weihnachten dekoriert sie das Haus wunderbar und an Ostern färbt niemand schönere Eier als sie. Mama zu besuchen, ist immer wieder schön.

Sie hat echt einen Preis verdient.

 

 

 

 

 

 

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Autor

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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