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Die Decke auf dem Kopf

Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt.

Manchmal überkommt es mich. Wenn ich die Sofakissen irgendwo in der Wohnung suchen muss.

Wenn Familie Moll in unzulässigem Dezibelbereich inklusive Maximumbass aus den Boxen hämmert. Oder wenn ich auf dem Boden kniend Essensreste vom Tischbein kratze.

Meine Wohnung. Denke ich dann.
Meine!
Meine Möbel.
Meine Deko.
Meine Dinge.
Mein!
Leben!

Doch es gehört nicht mehr mir.

Nicht genug damit, dass ich es bereits mit meinem Mann teilen muss. Schon das ist zuweilen way out of our comfort zone. Für beide. Nun kommen aber noch zwei stetig wachsende, sich schamlos in meinem Universum ausbreitende und in die Unendlichkeit ausdehnende Kleinkinder dazu.

Oh ja, sie sind schamlos.

Rückzugsort Toilette?
Die Crew wird mir während des Toilettengangs auf den Füssen rumstehen.
Intime Momente im Bett?
Sorry. Mein Bett ist leider 24-7 für die gesamte Menschheit geöffnet.
Letzte Überreste in Form von Dekoration aus Mamas früherem Dasein werden gnadenlos in Spielzeug umgenutzt.

Doch nicht nur in meinem Zuhause werden Grenzen überschritten. Auch Aktivitäten im gesellschaftlichen Umfeld wie Einkaufen oder Busfahren entpuppen sich als ideale Gelegenheiten, die Belastbarkeit meiner mütterlichen Coolness zu testen.

Und noch ein letzes Beispiel? Freizeit! – neu Synonym für Arbeit.

Ich habe die Kontrolle darüber verloren.

Und machmal, da habe ich die Nase gestrichen voll.

Beim ersten Kind, da haben alle nach ein paar Monaten gefragt: «Uuuund, fällt dir nicht die Decke auf den Kopf?» Damals war alles neu, das Kind noch unbeweglich wie eine Schildkröte auf dem Rücken. Meins war meins und seins war seins. Die Decke blieb da, wo sie schon immer war. Inzwischen haben die Fragen nach der Decke auf dem Kopf aufgehört. Jetzt, wo es endlich interessante Antworten gäbe. Denn inzwischen habe ich zwei Kinder und die Decke fällt mir nicht mehr auf den Kopf, sie ist quasi meine Kopfbedeckung.

Es ist verrückt.

Ich lerne, zwangsläufig grosszügig zu sein. Mit Raum, Zeit und Nerven. Ich lerne, dass Dinge – mögen sie noch so schön und wertvoll sein – immer noch einfach Dinge sind. Ich lerne, dass die Zeit vergeht und mit ihr all die unschönen Momente. Ich lerne, dass das grösstmögliche Teilen von Leben die grösstmögliche Intimität überhaupt schafft. Und mit wem, wenn nicht mit diesen zauberhaften Geschöpfen, die nach Milch und Honig riechen oder nach Kindersabber, würde ich mein Dach über dem Kopf teilen wollen. Auch wenn dies bedeutet, dass mein eigenes, kleines Universum nur noch in einer fernen Parallelwelt existiert.

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Autor

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier- und einer Zweijährigen sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in | Mehr zum Lesen: moidame.ch

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Wir ziehen um - «Mamas Unplugged»

[…] dass mir hier zuhause die Decke auf den Kopf fällt, liegt zuweilen gar nicht nur an Kinder- und Vereinbarkeitsstress. Sondern auch daran, dass die […]

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