Das Sex-Klischee

Eltern haben keinen Sex. Selten. Oder: Wenn sie welchen haben, kann man das als Ausnahme der Regel bezeichnen. Eltern, die Sex haben. Das klingt mystisch. Nach Legende und Dichtung. Wie das trojanische Pferd oder der ertrinkende Narcissus.

Es klingt schön – aber unrealistisch.

Warum fürchten Eltern wohl den Valentinstag, obwohl ihre Liebe zu ewigem Glück verschmolzen und in fleischgewordene Babys verwandelt worden ist?

Am Valentinstag beklagen sich doch nur Singles über das Alleinsein. Pärchen darüber, dass ein dekadentes Überangebot unserer Konsumgesellschaft zum Blumen- und Schmuckkauf zwingt. Doch Eltern. Eltern fürchten diesen Tag, weil er sie an ihr sexloses Leben erinnert.

So ist das. Eltern haben keinen Sex.

Die Kinder, das Chaos, die Müdigkeit und Erschöpfung, lassen lediglich davon träumen ein beflügeltes Sexualleben zu haben. Tief und fest davon zu träumen.

Tragischerweise. Denn Sex ist bis etwa zum Alter von 30 stinklangweilig. Blümchen, Missionare und schlechtes Timing. Entweder das. Oder man ist so durcheinander gewirbelt von Hormonen – wie etwa ein Ross, das Extacy und Viagra auf einmal geschluckt hat – dass man den Sex animalisch im Rausch erlebt.

Erst ab 30 hat man seine Hormone im Griff und kennt die Quellen tiefer Beglückung.

Genau dann also, wenn man Eltern wird.

Ha. Ha ha.

Der beste Sex – den hatte man vielleicht noch dann, als für das Baby geübt wurde. Danach war Frau unentwegt übel. Ihr Bauch war im Weg. Das Wochenbett hat die Libido erstickt.

Erschöpfung und Geschrei traten an jene Stelle, wo grandiose Liebesrituale hätten stehen können. Anstatt dass es aus den Quellen der Beglückung sprudeln würde, sprudeln Milcheinschuss und Baby Blues-Tränen die Lust den Bach hinunter.

Ein erotisches Liebesnest wird für immer durch ein Familienbett ersetzt.

Und sind die Kinder mal ausgeflogen und bahnt sich doch etwas an, das andere als sexuelle Energie bezeichnen würden, denkt die müde Mama und der erschöpfte Papa: Halt mal! Klischee!

Die mystische Legende. Hups. No Go. Eltern und Sex? Wir wollen ja nicht den Glauben der Menschheit irritieren.

Und artet die sexuelle Energie doch in Bettsport aus, hat man rein pragmatischen Sex. Schnell, ehe die Kinder wach werden. Ja nicht hinauszögern, sonst schläft man doch noch mittendrin ein.  Man hat also mehr Seltenheitssex zwecks der Statistik. Anstatt prickelndes Lustvergnügen. Weil gar kein Sex mehr – das wär dann doch noch krass.

Bei diesem Klischee würde ja niemand mehr Kinder machen wollen…

 

 

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

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