Das Glas ist voll

Das Glas ist nicht halbleer. Nicht halbvoll. Es ist am überlaufen. Keine Ahnung wie das auf einmal passieren konnte – aber ich bin überfordert.

Ich halte mir für einen eher geduldigen Menschen. Andere Mütter können wundervolle Dinge basteln. Kochen oder backen. Manchmal gar beides. Ich habe meine Pluspunkte als Mutter gesammelt, indem ich locker bleiben kann, wenn etwas verschüttet, zerbricht oder nach Gagi riecht. Bei Chaos allgemein.

Vielleicht fehlt mir manchmal die Geduld, wenn ich mit meinen Kindern Türme bauen oder das Alphabet üben soll. Aber in Sachen Scherben, Chaos, Dreck und Lautstärke regt sich bei mir nichts. Abgesehen von meinem Putzreflex. Alle weiteren natürlichen Instinkte der Menschheit, haben schreiend mein Erbgut verlassen.

Ob die Tochter wieder den Kopf in die Kloschüssel steckt, Sachen ausräumt oder zerstört – Widerwärtigkeiten sind Teil der Alltagsroutine. Sie machen mir nichts aus. Ich habe meinen Frieden damit geschlossen.

Doch genug gut zugeredet. Wie ein Huhn nach meinen Schokoladenseiten gepickt.

Seit Kurzem bin ich überfordert.

Ich stehe vor den Scherben meines eigenen Spiegelbildes, in welchem ich immer eine durchschnittlich gute Mutter gesehen habe. Die mit sich selbst ganz zufrieden war.

Die sogar verhältnismässig cool geblieben ist, als der Arzt ihr damals mitteilte, dass ihr Sohn einen genetischen Defekt hat

Mein Mantra war stets: «Es sind nicht die Dinge, die uns Sorgen machen. Sondern die Meinungen, die wir von diesen Dingen haben.»

Wie weise und cool.

So ist das mit den Menschen, die sich toll finden. Irgendwann kriegen sie ihren Schlag ins Gesicht.

Nun bin ich gestresst, genervt und auf die Versagerseite des Lebens gerutscht.

Ich kann meinen Sohn nicht mehr handeln.

Der Sohn, der für die schwierigen Voraussetzungen, die er hat, ein wahres Wunderkind ist. Der, der sehr feinfühlig und sensibel ist. Dessen Sensoren überreagieren, wenn sie gestresst werden. Der Sohn, der durchdreht, wenn zu viele Menschen im Raum sind.

Der zu sinnlosem, ziellosen, nichtssagenden Gejammer tendiert, wenn er spürt, dass bei mir etwas nicht stimmt.

Der Sohn, der es nicht schafft sich mit sich selbst zu beschäftigen, weil ihm die Fantasie dazu fehlt. Der Sohn, der jammert, weil er von Mama Anregung und Ideen braucht.

Der Sohn, der versucht ein guter zu sein.

Ich kann ihn nicht mehr handeln. Den Sohn, der das liebste Einsteigerbaby der Welt, das friedlichste, liebevollste, umgänglichste Kleinkind war.

Mein Sohn ist anders. In manchen Sachen schwieriger als andere. In anderen Sachen eines der unkompliziertesten Kinder überhaupt. Trotzdem überfordert er mich. Und das Schlimmste: Er merkt es.

Seine Mutter ist genervt, schimpft. Ihr Glas ist voll.

«Mama, schimpf bitte nicht immer so viel.»

Sagte dieser Sohn. Und das Glas lag in Tausend Scherben. Vielleicht war es auch mein Herz.

Bei Schneematsch auf dem Küchenboden – der Wischer. Bei Gagi – Putzlappen und Chemiebombe. Bei Flecken, gibt es Spray und Wundermittel. Aber für meinen eigenen Sohn weiss ich keine Lösung mehr.

«Hör endlich auf zu jammern.» War beispielsweise einer meiner katastrophalen Versuche seine Launen zu handeln.

Seine Antwort: «Ich will ja gar nicht jammern, Mama.»

Mit anderen Worten: «Ich weiss nicht wie.»

Ich kann nicht anders. Bitte schimpf nicht. Hab mich lieb.

Klirr.

Die Lösung meines Mannes lautet: «Warte bis zum Sommer, da geht er dann in den Kindergarten.»

Die Abwesenheit des Sohnes als Lösung? Das fühlt sich an, als würde man barfuss über Scherben laufen, anstatt sie aufzufegen.

Ich will Geduld. Endlose Geduld. Denn mein Sohn ist so fantastisch.

Und ich wünschte ich wäre es auch.

Mirjam ist Mitgründerin von Mamas Unplugged und seit Herbst 2017 mit ihrer Familie auf Weltreise unterwegs. Mit Fahrrad, Zelt und Hund. Wer aktuelle Blogs von ihr lesen will, findet die auf www.familiemettler.ch

3 thoughts on “Das Glas ist voll

  1. Dein Text ist sehr berührt geschrieben. Ich fühle mit dir. Einen Sack voll mehr Geduld und ein neues NervenKostüm im Schrank wünsche ich mir oft. Wir lieben unser Kinder abgöttisch, sie fordern uns, machen uns zu besseren Menschen, sie bringen uns an unsere Grenzen. Gerade darum wachsen wir mit Ihnen über uns hinaus.
    Als unser Große kurz vorm Kindergarten stand habe ich ihn auch herbei gesehnt. Genauso hat es mir so große Angst gemacht. Mein Baby drei Stunden am Tag in fremde Hände. Ich machte mir Sorgen ob sie vielleicht mit ihrer Fülle an Energie und ihrer großen Sensibilität aneckt. Ich glaube mir war mulmiger als ihr. Seid 3 Monaten ist sie jetzt große Schwester und sie macht es so großartig. Dennoch schlaucht es ganz schön. Jetzt vier Monate vorm Schulbeginn stehe ich vor dem selben Problem.

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