MamaMomente,

Aufgeschnitten und zugenäht

Mein Sohn hat es hinter sich. Man hat ihn exakt aufgeschnitten. Das Implantat wurde eingepflanzt. Dann hat man den sauberen Schnitt mit sechzehn schicken, metallenen Heftklammern wieder zusammen getackert. Alles bestens.

Ausatmen, einatmen, es ist vorbei.

Die Zeiten sind vorbei, wo Mama händeringend vor dem OP wartet, bis der erwachsene Nachwuchs entnarkotisiert ist. Das tun jetzt die Partner der Kinder, wenn es denn notwendig sein sollte.

Man schafft es aber in so Situationen trotzdem nicht, locker und entspannt zu bleiben. Obwohl man doch öfters schon so Sachen durchgemacht hat. Gedanklich schweift man dauernd ab, kann sich nicht auf die Arbeit konzentrieren, gibt komische Antworten, kaut an den Fingernägeln und sucht überall nach Schokolade.

Das Muttersyndrom ist immer noch in einem drin.

Wahrscheinlich bleibt es das auch, bis der Sargdeckel über einem zuklappt. Kinder bleiben Kinder, und Mütter bleiben Mütter.

Die ganze Anspannung war also wieder einmal mehr für die Katz. Die zur Beruhigung gefutterte Schokolade gegen die Figur und die gemachten Sorgen reinste Energieverschwendung.

Habe ich daraus etwas gelernt? Nö! Ich weiss es jetzt schon: Sollte sich wieder ein Ereignis ankündigen, über das ich keine Kontrolle habe, werde ich mir wieder Sorgen machen. Auch wenn mein Verstand mir sagt, dass gefühlt ungefähr 99 Prozent aller gemachten Befürchtungen gar nie eintreffen werden. Nie!

Vermutlich werde ich dann trotzdem wieder flach atmen, mies schlafen, unkonzentriert vor dem Rechner hocken, alle um Schokolade anbetteln und gedanklich woanders sein.

Einer Mutter zu sagen, sie soll sich keine Sorgen machen, ist zweckloser Blödsinn.

Grund zur Sorge gibt es nämlich dann, wenn rein theoretisch etwas schief gehen könnte, das dann zum Glück mehrheitlich stets gut ausgeht. Der Mensch hat nicht alles im Griff und es geschehen dauernd Dinge, die so nicht gedacht waren.

Sie wird sich daher immer sorgen, auch wenn sie es gar nicht will.

Sie kann gar nicht anders.

In Kürze wird mein Sohn den Sender zum Andocken kriegen. Dann wird er die ersten Töne wahrnehmen. Man hat ihn vorgewarnt. Wir werden anders klingen, mit weniger Frequenzen, mehr technisch, wie Mickey Mouse. Er muss quasi Abschied von den ihm vertrauten Stimmen nehmen. Das wird Zeit brauchen. Es wird einem bewusst, welch ein fantastisches Wunderwerk der Schöpfung ein gesundes Gehör ist.

Mama wird vielleicht klingen wie Mickey Mouse?

Diese Vorstellung ist ein Graus. Ich, eine Maus? Ich mache mir Sorgen. Schon wieder. Groll. Vielleicht wird es ja auch unglaublich lustig, erheiternd und sehr unterhaltsam. Wir mögen doch alle so gerne Comics. Also, WARUM mache ich mir bloss Sorgen?

Leute, wo zum Kuckuck hat es hier eigentlich Schokolade???.

Fotos: M. Plüss, E. & S. Plüss

 

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Autor

Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter von drei erwachsenen Kindern und Stiefoma einer Schulkind-Prinzessin. Schamgefühle sind nach so einer Mutter-Karriere wie der ihren kein grosses Thema mehr. Sie hat nicht immer Recht. Aber sie liegt selten falsch.

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