Assi Mutter on Tour

Um 6:30 Uhr war alles noch unschuldig. Assi Mutter? Ich? Never. Ever.

Ich war bloss müde und stand vor der Wahl: Aufstehen, mir einen Vorsprung auf den Tag verschaffen, indem ich mich und die kleine Lady für den Tag parat mache. Oder zurück ins Bett und schlafen, solange das Schicksal (grosser Bruder der kleinen Lady) es erlaubt.

Ich entschied mich für die schicksalhafte Variante.

Im Wissen, dass dies die Ruhe vor dem Sturm sein würde. Dass der Sturm dann so heftig ausfiel, war überraschend. Der ganze Morgen fühlte sich an, als würde ich im fünften Gang den Berg hinauffahren. Am Boden lagen noch die vollgeschissenen Kleider, als ich – den Prinzen am Arm zerrend – das Haus verliess. Assi Mutter? Ah, come on. Das passiert doch jeder mal.

Während ich mit neuem dreirädrigem Doppelkinderwagen (die Handhabung fühlt sich so an, wie sich das anhört) auf den Bus rannte, fiel mir ein, dass ich keinen Spiegelcheck gemacht hatte. Die heftigen Windböen taten ihr übriges, meinen Look zu vervollkommnen:

Ich war die exakte Ausgabe der Assi Mutter, die ich nie werden wollte.

Dass sich der Kinderwagen beim Einsteigen in den Bus verhedderte und dieser aufgrund meines Malheurs Verspätung erhielt, war bloss ein weiterer Punkt auf der Assi Mutter-Checkliste.

Es war heiss im Einkaufszentrum und unter den winterjacke-verpackten Achselhöhlen sammelte sich der Schweiss. An der Kasse musste ich feststellen, dass der Durchgang für diese Art Kinderwagen zu schmal war. Zum Bezahlen drehte ich deswegen eine Extrarunde über Kasse 1, während der alte Herr hinter mir verpeilt-verärgert nachfragte, was ich denn jetzt wolle.

Ich will bezahlen und raus hier, Alter!

Der Bus fuhr vor unserer Nase weg. Der Prinz fand während der Wartezeit eine halbgeleerte Bierflasche, deren restlichen Inhalt er sich hübsch über Jacke und Pulli leerte. Dass er die daneben liegenden Zigarettenstummel nicht gleich gegessen hatte, grenzt an ein Wunder – oder spricht für seinen sechsten Sinn.

Als Schatten meiner Selbst kam ich zuhause an. Stopfte dem Prinzen das Maul, schmiss ihn in die Heia und ging daran, die Überbleibsel des Vormittags aufzuräumen. Die Prinzessin verschlief dies alles, lag glücklich in ihren vollen Windeln und meldete sich erst, als ich erschöpft aufs Sofa fiel.

Um 6:30 Uhr aufzustehen muss toll sein.

Hat nicht nur den Master in Psychologie. Sondern ist auch Master im Desaster, was ihr als Aufsichtsperson eines Vier-, einer Zweijährigen und eines Babys sehr gelegen kommt. War mal Journalistin in Zürich, jetzt ist sie freischaffende Mutter in Bern. Mehr zur Journalistin: autor.in

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