Unplugged,

Sadaf – Allein auf der Flucht

Plötzlich fand sich Sadaf allein auf der Flucht wieder. Allein mit ihren zwei Kindern. Allein auf der Reise in eine ungewisse Zukunft. Doch sie ist sich sicher: All das was vor ihr liegt, kann nicht schlimmer sein, als das, was sie hinter sich lässt. Nicht das Meer, nicht das Überqueren der Grenzzäune, die Polizei oder die Schutzlosigkeit als Frau – allein auf der Flucht.

Meine Eltern kommen aus Afghanistan, aber ich bin in Teheran, im Iran, geboren. Ich war die Älteste von vier Geschwistern. Ich habe die Schule abgebrochen, als ich 16 war. Denn da habe ich geheiratet.

Ich wusste nichts von Männern. Gar nichts. Ich dachte heiraten, dass ist für eine Frau das beste. Das ist der einfachste Weg.

Ich nicht verstehe von Mann.

Mein Vater hat mir damals geraten, ihn nicht zu heiraten. Aber mit 16 Jahren braucht man in Iran nicht das Einverständnis der Eltern, um zu heiraten. Meine Eltern wollten die Entscheidung mir überlassen. Ich war verliebt. Ich war jung. Ich wusste nicht, auf was ich mich einlassen würde.

Es ging vielleicht einen Monat gut. Dann wachte ich in der Hölle auf.

Eine Monat. Dann sehr, sehr schlimm.

Er ging nie arbeiten, war kaum zuhause. War immer mit Freunden unterwegs. Wir hatten kein Geld. Wir hatten kaum etwas zu essen.

Als meine Tochter geboren wurde, schenkte mir eine Nachbarin etwas Geld. Es war nicht viel. Aber zu diesem Zeitpunkt rettete es uns das Leben. Mein Mann, der sich als Vater um seine Familie kümmern sollte, scherte sich einen Dreck um uns. Wir hatten kein Geld für den Arzt. Kein Geld für Kleider. Kein Geld für Essen. Für nichts.

Und im Iran bekommst du auch nichts.

Falls mein Mann doch einmal auf der Arbeit erschien, kreuzte er dort sturzbetrunken auf. Er stank aus dem Mund. Ich habe das alles nicht verstanden. Warum er sich so verhielt und alles. Was das für ein Gestank war.

Er kam nach Hause und ich hatte sofort Angst. Denn er hat mir immer nur weh getan. Mir und meiner Tochter. Er war so ohne Liebe.

Er nur sagen «Ich Sex.»

Fertig.

Es war die Hölle.

Er hat mich geschlagen. Sehr viel geschlagen. Er hat mir Sachen hinterher geschmissen. Manchmal konnte ich ausweichen. Manchmal nicht. Ich habe ihm einen Tee gekocht. Als er ihn fertig getrunken hatte, hat er die Tasse in meine Richtung geworfen.

Viele Frauen verlassen im Iran ihre Familie, ihren Mann, ihre Kinder. Was sollen sie auch machen?
Im Iran haben Frauen kein Recht auf ihr eigenes Kind. Wenn die Eltern sich scheiden lassen oder trennen, wird das Kind dem Vater gegeben. Egal ob er arbeitet oder nicht. Ob er ein guter Mann ist oder nicht. Sie haben das Anrecht auf ihre Kinder. Nicht die Frau.

Ich konnte also nicht viel machen.

Irgendwann als mein Sohn auf die Welt kam, fing auch das alles mit den Drogen an.

Heroin, Shisha. Ich weiss nicht.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte und bin mit meiner Tochter und meinem Baby in das Haus meiner Eltern geflohen. Mein Mann wollte, dass ich ohne meine Kinder gehe. Er wollte sie für sich.

Warum er sie wollen?

Weisst du, es ist im Iran sehr einfach mit einem Kind an Geld zu kommen. Es gibt genügend Menschen, die sehr viel Geld für ein Kind bezahlen. Und er wollte unsere Kinder – er wollte Geld für Drogen haben.

Ich wusste, es wird gefährlich für meine Kinder, wenn ich in Iran bleibe. Ich wollte auch nicht, dass dasselbe mit meiner Tochter passiert, was mit mir passiert ist. Viele Jugendliche verlassen ihre Eltern sehr früh und heiraten. Das gehört einfach dazu. So funktioniert das – man kennt einfach keine Alternativen.

Eines Tages stand mein Mann vor dem Haus meiner Eltern. Er hat geklopft, geklopft und geschrieen. Er hat geschrieen: «Ich will meine Kinder. Das sind meine Kinder!»

Ich sehr viele Angst für meine Kinder.

Ich hatte Angst, dass er kommen und sie mir wegnehmen würde. Weder Behörden, noch die Polizei, noch sonst jemand würde mich und meine Kinder beschützen.

Dann ich gesagt: «Wir gehen Europa!»

Wir dachten, wir nehmen alles Geld, das wir haben und gehen weg. Irgendwo nach Europa. Egal wohin.

Natürlich hatten wir davor Angst. Angst vor dem Weg. Angst vor der Polizei. Den Grenzen. Dem Unbekannten. Den Zäunen. Dem Meer. Es ist sehr gefährlich als Frau und Mutter allein auf der Flucht zu sein.
Aber ich hatte am meisten Angst davor, meine Kinder zu verlieren.

Wenn Menschen wollen, dann sie geht. Wenn sie sehr, sehr wollen.

Wir sind in der Nacht geflüchtet. Meinem Zweijährigen Sohn musste ich eine kleine Dosis Schlafmittel geben, damit er nicht weint. Hätte er geschrieen, wäre das sehr gefährlich geworden. Die Polizei war in der Nähe und hat Flüchtlinge gesucht.

Ich habe ihn auf meinem Rücken getragen. Wir sind Stunden über Stunden gelaufen. Ich bin viel gefallen. Es hat angefangen zu regnen und es war unfassbar kalt.

In der Türkei gaben wir unser letztes Geld einen Schlepper, um mit einem Boot zu fahren.

Sehr gefährlich. Ein kleines Schiff mit Luft.

Der Motor war sehr alt und gab plötzlich seinen Geist auf. Wir waren zu schwer und wir mussten Wasser aus dem Boot schöpfen. Ich hatte Angst um unser Leben.

Als wir in Athen, in Griechenland, ankamen, hatten wir kein Geld mehr. Darum mussten wir viel laufen. Wir sind einfach mit all den anderen Menschen mit gelaufen, die auf der Flucht waren.

Ich weiss nicht, wie wir gekommen hier.

„Ich hier keine Angst mehr für Kinder. Aber ich sehr viele traurig. Viele, viele traurig.“

Ich weiss nicht, wie wir es hierher geschafft haben. Wir hatten unsägliches Glück. Als Frau und Mutter allein auf der Flucht zu sein, ist sehr gefährlich. Doch das habe ich alles irgendwie ausgeblendet.

Hier in der Schweiz geht es mir besser. Ich habe Geld, eine Wohnung, Kleider. Aber ich bin traurig. Sehr, sehr traurig. Ich vermisse meine Mutter, denn sie hat mir geholfen meine Tochter aufzuziehen. Jetzt sind wir ganz alleine. Mein Sohn ist sehr klein. Er ist oft sehr böse auf mich.

Er immer sagt, ich gehe Iran für Papa.

Er will zu seinem Grossvater, zu meinem Bruder. Er weiss ja gar nicht, wer sein Papa ist. Doch er will einfach nicht bei mir sein, denn ich bin sehr oft traurig.

Als ich damals das Scheidungspapier unterschrieben habe, musste ich viel weinen. Ich weiss, mein Mann ist nicht gut. Aber ich habe zwei Kinder, ich bin allein und habe keinen Mann.

Als wir hier in einem Flüchtlingsheim in der Schweiz waren, war es sehr schwierig. Mein Sohn war überfordert, laut und hat viel geweint. Die Menschen dort haben selbst viele Probleme und keine Nerven für ein Kind. Darum haben sie ihn auch geschlagen.

Ich wusste nicht, dass ich mich hätte wehren können. Ich kannte meine Rechte ja nicht.

Ich nur Angst, ich keine Ausweis.

Ich wollte nur nicht wieder weggeschickt werden.

Jetzt wohnen wir in einer kleinen Wohnung, hier im Kanton St. Gallen. Ich vermisse meine Familie. Aber ich möchte nie wieder zurück in den Iran.

Ich dachte, hier wäre alles gut. Aber ich bin oft so traurig.

In meinem Herzen ist es nicht gut.

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Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

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