Flüchtlinge in der Familie, Serie,

My personal Afghanistan

Wir dachten, wir sagen Afghanistan endgültig lebewohl, als sich vor zwei Monaten sieben Menschen um einen Umzugswagen scharten.

Und während auf unseren Gesichtern der Abschiedsschmerz geschrieben stand, wussten meine zwei Kinder nicht wie uns geschah, als unsere afghanische Truppe ihr Hab und Gut abholte und zu ihrer neuen Familie wechselte.

Und so kam es, dass mich zwei Monate lang (wieder) nur noch Potty-Training und Lego-Türme beschäftigten. Vordergründig zumindest.
Vielleicht war es auch eine willkommene Ablenkung davon unsere Jungs zu vermissen. Und mich wegen unseres gescheiterten Projekts schlecht zu fühlen.

Mittlerweile fliesst in meine Lego-Bauten jedoch endlich ein Stückchen Leidenschaft zurück.
Nicht nur, weil ich es geniesse meine zwei Lieblings-Lego-Zerstörer wieder ganz für mich alleine zu haben.
Nicht nur, weil unsere drei Jungs in zwei benachbarten Familien untergebracht sind, die so fantastisch sind, dass ich mich von denen am liebsten selbst adoptieren lassen würde.
Sondern auch, weil wir den Trubel im Afghanistan-Style und die Deutschkurse zwischen Tür und Angel nicht endgültig begraben mussten.

Die afghanische Truppe besteht nämlich nicht aus nur drei, sondern insgesamt fünf Brüdern.
Und die zwei Älteren sind quasi unsere Nachbarn.
Wohnhaft im Flüchtlingsheim in unserer Strasse.
Das Nachbarschaftsverhältnis war jedoch ein wenig angeschlagen, nachdem sie enttäuscht darüber waren, dass ihre drei jüngeren Brüder nun viel weiter weg wohnten und ihnen niemand garantieren konnte, dass das nicht erst der Anfang einer grossen Familien-hopping-Geschichte werden würde.

Mittlerweile haben die Brüder – wie ich – den Wechsel verdaut und statten uns morgens nach ihrem Frühstück (also so gegen drei Uhr nachmittags) täglich einen Besuch ab.
Und ich glaube würden sie es nicht tun, würde ich selbst nach Afghanistan auswandern. Denn irgendwie habe ich mich ein wenig in ihre Kultur verliebt.
Nicht zuletzt deshalb, weil sie mich herzhaft auslachen, wenn ich im Helikopterflug meinen Kindern hinterherjage. «Kommt die Polizei, wenn du bei deinen Kindern etwas falsch machst?» Lach, lach.
Hust, hust. Ähm? Ja?!
In ihrer Gesellschaft fühle ich mich erstmals nicht wie die schlechteste Mutter dieses Planeten, wenn ich mit einem Kaffee in der Hand auf der Wiese schlafe und meine Kinder mit Velos Kreise um mich fahren lasse.

Doch nicht nur ich bin vernarrt, sondern auch meine Kinder.
Was wohl daran liegt, dass sie alle wichtigen Kriterien eines tollen, grossen Bruders aufweisen.
Wirbeln sie durch die Luft. Check.
Nehmen sie ständig auf den Arm. Check.
Schauen mit Ihnen Youtube-Filme, wann immer ihnen danach ist. Check.

So haben wir – zumindest ein bisschen – die schräge, unkonventionelle Patchwork-Familie zurück, die wir einst waren. Mit zwei Onkeln, oder so. Die von uns Deutsch lernen. Und wir von ihnen manche Sachen lockerer zu nehmen.
Und dass auch aus gescheiterten Projekten manchmal noch Gutes entstehen kann.

0no comment

Autor

Mirjam ist Mutter von zwei wunderbaren und unvollkommenen Kindern, studierte Psychologin und arbeitet im Herzen des Emmentals als Hausfrau und freischaffende Journalistin.

Leave a Reply




Instagram